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Kritik: Lichter (2002)


Geplatzte Träume

Sein Umzug von München nach Berlin ist Hans-Christian Schmid (38) nicht gut bekommen: Früher, in "Crazy" oder "23", traf der Regisseur noch jeweils einen Nerv, zeichnete facettenreiche Charaktere und fesselte sein Publikum. Nun hat ihn die Tristesse des Ostens eingeholt: "Lichter", ein desolater Film über Schicksale an der Grenze zwischen Slubice und Frankfurt/Oder, ist - behaupten Kritikerkollegen - "typisch deutsch" und hat folglich das Zeug zu einem Kassenflop.

Hans-Christian Schmid, ein hoch begabter Regisseur, der nach Filmen wie "Crazy" und "23" als große deutsche Kinohoffnung galt, gewann im Februar mit "Lichter" auf der Berlinale den Preis der internationalen Filmkritik.

Wie konnte das passieren?

Vielleicht hängt es damit zusammen, dass viele Kritiker, die an dem tristen Werk Gefallen fanden, einer von zwei Gruppen angehören: Die einen sagen, "Lichter" sei "für einen deutschen Film ganz gut" gewesen. Heißt soviel wie "nichts Besonderes, aber weil der Film aus Deutschland kommt, sind wir mal gnädig." Mit Verlaub, liebe Kollegen: Das ist Verrat am Leser und am Kinopublikum, das emsig nach den wenigen guten Filmen Ausschau hält - egal, aus welchem Land die kommen mögen. Noch kurioser ist allerdings Gruppe Nummer zwei, die da behauptet, "Lichter" sei "ein typisch deutscher Film" - und dies nicht als Beleidigung versteht!

"Lichter" wirbt mit dem Slogan "Willkommen in der Wirklichkeit", versucht das Publikum allerdings eher aus den Kinosesseln zu vertreiben. Vielleicht liegt's an den freudlosen Gestalten auf der Leinwand, die zwischen Slubice und Frankfurt/Oder insbesondere eines sind: zutiefst unglücklich. Hier hat keiner was zu lachen. Nicht Andreas (Sebastian Urzendowsky), ein jugendlicher Zigarettenschmuggler, von dem man gar nicht richtig weiß, was ihm wohl mehr zu schaffen macht: sein perspektiveloses Dasein oder sein pubertärer Liebeskummer? Oder Ingo (Devid Striwsow), der glücklose Pächter eines dem Untergang geweihten Matratzenladens. Auch nicht der polnische Taxifahrer Antoni (Zbigniew Zamachowski), der irgendwie das Geld fürs Kommunionskleid seiner Tochter auftreiben muss.

Hausgemachte Seelenqualen

Noch nicht genug gelitten? Wie wär's mit Kolja (Ivan Shvedoff), Dimitri (Sergej Flolov) und Anna (Anna Janowskaja), drei den Verlockungen des Westens hinterher eilende Flüchtlinge aus der Ukraine: Sie haben zwar ein Bündel Dollars in der Tasche, jedoch die Landkarte vergessen, sodass sie Slubice mit einem Vorort von Berlin verwechseln und orientierungslos zum nächsten Schlepper taumeln. Zum Glück gibt es die brave Sonja (Maria Simon): Die junge Dolmetscherin hat ein besonders großes Herz für Wirtschaftsflüchtlinge und karrt sie notfalls auch im eigenen Kofferraum über die polnisch-deutsche Grenze.

Zu guter Letzt nerven die hausgemachten Seelenqualen eines jungen Architekten namens Philip (August Diehl), der aus dem Westen an die Oder kommt und sich dem Unglück dort selbst in die Arme wirft. Merke: Hat der Mensch keine ernsten Probleme, schafft er sich eben welche. Das gilt auch für den deutschen Film: Mehr als ein Dutzend Charaktere bietet "Lichter" auf, doch keinem einzigen davon möchte man gern privat begegnen. Die Misere wird durch den 25 Jahre jungen Kameramann Bogumil Godfrejow noch verschärft, dessen wackelige Bilder und schmuddelige Farbabstimmung nicht das kleinste Argument dafür liefern, dass man den Streifen auf der Kinoleinwand anstatt auf einem kleinen Fernsehschirm betrachten sollte.

Und so leiden sie denn in den 48 Stunden ihrer lose miteinander verwobenen Geschichten, von denen uns "Lichter" erzählen will: Ukrainer, Polen, Deutsche, Ost und West, alle vergeblich auf der Suche nach dem kleinen Stückchen Glück, das für die meisten gleichbedeutend ist mit einer wirtschaftlich besseren Zukunft. Das ist nun wirklich typisch deutsch. Zumal das Schauspieler-Ensemble ein ganz essenzielles Attribut vermissen lässt: Lebensfreude, wie man sie anderenorts sogar unter den ärmsten Zeitgenossen findet - oftmals gerade dort, wo es den Menschen wirklich dreckig geht. In "Lichter" aber macht sich Hoffnungslosigkeit in den Gesichtern breit, die Menschen führen einen scheinbar aussichtlosen Kampf gegen - ja, gegen was eigentlich? Am Ende scheitern ihre Träume wohl am Schicksal, das mit dem desolaten Drehbuch von Michael Gutmann und Hans-Christian Schmid von Anfang an besiegelt war.






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