VG-Wort
Die Domain Spielfilm.de verwendet Cookies für funktionale und analytische Zwecke. Durch die Nutzung unserer Seite erklärst Du Dich damit einverstanden. Weitere Cookie-Informationen findest Du hier.

Ok, einverstanden!

oder
Das Parfum Plakat groß  2006 Constantin Film, München
Das Parfum Plakat groß 2006 Constantin Film, München

Kritik: Das Parfum - Die Geschichte eines Mörders (2006)


"Der Name der Rose", "Das Geisterhaus", "Elementarteilchen" - zwar lehnt Bernd Eichinger die Bezeichnung "Literaturverfilmung" entschieden ab, doch bringt er immer wieder bekannte Romane auf die Leinwand. Romane, die wie Houellebecqs philosophischer Skandalroman "Elementarteilchen" als unverfilmbar galten, bis sich Produzent Eichinger ihrer annahm. Und nun also "Das Parfum". Der von Autor Patrick Süskind 1985 veröffentlichte Krimi gilt mit weltweit über 15 Millionen verkauften Exemplaren nach Erich Maria Remarques "Im Westen nichts Neues" als erfolgreichster deutschsprachiger Roman, entsprechend früh bemühten sich die verschiedensten Produzenten um die Filmrechte. Autor Süskind allerdings wehrte ganze 15 Jahre jede Anfrage aus der Filmbranche ab. Erst im Jahr 2000 ließ er sich auf Verhandlungen mit Eichinger ein, die für den Produzenten schließlich im Erwerb der so heiß begehrten Rechte mündeten. Für die Inszenierung engagierte Eichinger Regisseur Tom Tykwer, der nach Jahren der Vorbereitung im Sommer 2005 mit einem internationalen Team von weit über 5000 Statisten und Crewmitgliedern vor allem in München, Barcelona, Girona und Figuearas ans Werk ging. Natürlich galt auch "Das Parfum" als unverfilmbar - und das aus gutem Grund. Zum einen wird eine Adaption generell umso komplizierter, je bekannter und beliebter der zugrunde liegende Roman ist - Drehbuchautoren und Regisseur werden mit tausenden Co-Autoren konfrontiert, die im Zweifelsfall natürlich alle alles besser wissen. Zum anderen ist "Das Parfum" ein Roman, dessen Faszination davon lebt, dass die Haupt- und Identifikationsfigur ein abstoßender, größenwahnsinniger, autistischer Mörder ist, der in seiner eigenen Gedankenwelt lebt und kaum ein Wort spricht: Jean-Baptiste Grenouille wird 1738 in die Gosse des Pariser Fischmarkts geboren und von seiner Mutter zum Sterben zurückgelassen. Vom ersten Atemzug an ist der Junge, der keinen Eigengeruch, dafür aber einen extrem ausgeprägten Geruchssinn besitzt, den Grausamkeiten einer korrumpierten Welt ausgesetzt. Schon im Waisenhaus entgeht er nur knapp der Ermordung, und sein ganzes Leben wird er nicht einem einzigen Menschen begegnen, der ihm ohne Eigennutz Unterstützung zukommen lässt. Auch als Gerber und später als hochbegabter Parfumeurslehrling bleibt Grenouile Außenseiter, ein naiver, autistischer idiot-savant, der die Menschen nicht versteht und nicht verstanden wird, weil er in ganz eigenen Kategorien denkt. Seine ganze Welt besteht aus Düften und so ist für ihn lebendig, was riecht. Kein Wunder, dass er, sobald er seinen fehlenden Eigengeruch realisiert, einen Duft für sich kreieren will. Und wie ein Schneider, der für sich selbst nur die besten Kleider näht, will Grenouille für sich den erhabensten Duft herstellen: Einen Duft aus Jungfrauenaromen. Skrupellos tötet er junge Frauen - nicht aus Lust am Morden, sondern weil er feststellen muss, dass sie sich nicht freiwillig einfetten und in Tücher einwickeln lassen, um ihm ihren Duft zu schenken. Ein Unrechtsbewusstsein entwickelt Grenouille bei seinen Taten nicht, denn solange die Düfte, quasi die Essenz, der Frauen noch existieren, erscheinen sie ihm lebendig. Da ihm der Eigengeruch fehlt,wird der Parfumeurslehrling kaum wahrgenommen und so kann er lange unbehelligt seinem "Handwerk" nachgehen. Erst der Kaufmann Richis, geplagt von dunklen Vorahnung vom Tod seiner Tochter Laura, wird Grenouille zum ernstzunehmenden Widersacher. Tom Tykwer inszenierte die Geschichte in erdigen Braun- und Sepiatönen gehaltenen, leicht melancholischen, ruhigen Bildern mit oppulenter, detailreicher Ausstattung und ebensolchem Score. Um den Zuschauern Gefühle und Gedankengänge des weitgehend sprachlosen Grenouille näher zu bringen, führt Otto Sander als Erzähler durch die Geschiche - und im Gegensatz zu vielen anderen Filmen macht hier der Erzähler, der sich zu Anfang recht häufig aber im weiteren Verlauf immer seltener zu Wort meldet, wirklich Sinn. Dennoch mussten die Filmemacher auf einen zentralen Teil des Romans verzichten: In Süskinds Vorlage zieht Grenouille sich für mehrere Jahre in die Berge zurück, wo er sich fernab jeder Zivilisation seinen Selbstzweifeln, dem gleichzeitigen Größenwahn dem Ekel vor den Menschen und dem Zynismus hingibt und schließlich die Idee entwickelt ein eigenes Parfum herzustellen.Im Film ist es nur ein kurzer Aufenthalt in den Bergen, der Grenouille zwar (wie im Roman) den fehlenden Eigengeruch erkennen, aber nicht in Zynismus, Ekel und Größenwahn fallen lässt.
Aber nicht nur Grenouille, sondern das gesamte Figurenensemble, kommt einen Tick sympathischer daher als im Roman. Die Darsteller liefern, von ganz wenigen Ausnahmen abgesehen, eine großartige Leistungen ab. Die Performance von Dustin Hoffman als Parfumeur Baldini, Grenouilles Lehrmeister, ist allein schon das Eintrittsgeld wert und auch der 25jährige britische Hauptdarsteller Ben Whishaw ist ein Glücksgriff. Sein Grenouille ist ein großäugiger, schmaler aber doch kraftvoller, verschüchterter junger Mann, der die Welt mit verwunderten Blick betrachtet und erst beim Mischen von Düften Selbstsicherheit findet. Ein verwirrter Außenseiter, den man trotz seiner grausamen Taten ins Herz schließt und kaum als Massenmörder wahrnimmt. Kurzum: Ein komplett gelungener Film, der mit ruhigen, melancholischen Bildern, oppulenter Ausstattung und großartiger Besetzung lockt.




Spielfilm.de-Mitglied werden oder einloggen.