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Persepolis
Persepolis
© 2007 PROKINO Filmverleih GmbH

Kritik: Persepolis (2007)


Eigentlich war Persepolis die Metropole des antiken Perserreichs, von der heute nur noch Ruinen zu bestaunen sind. Nicht von ungefähr kommt also der Titel des autobiografischen Comics von Marjane Satrapi, in dem sie ihre leidvolle Vita niederschrieb. Im effektiven Schulterschluß mit Vincent Paronnaud hat sie diese nun auch in einen mehr als ungewöhnlichen Animationsfilm transformiert. Die etwas andere Adaption des gleichnamigen autobiografischen Comics der Iranerin Marjane Satrapi bietet großen wie profunden Filmspaß.

Im Teheran der späten Siebzigerjahre veränderte die islamische Revolution das gesamte soziale Leben. Das kecke Mädchen Marjane holt sich bei ihrer zynischen Großmutter Rat und Tat, debattiert nächtens mit dem lieben Gott und Karl Marx gleichermaßen.

Sie favorisiert Punk, ABBA und Iron Maiden und macht gar (zu früh) erste Erfahrungen mit dem männlichen Geschlecht, nichts ahnend, wie  gefährlich ihr infantiler Protest für sie samt Familie werden kann….   Wie soll man diese cinéastische Kulturkritik am besten charakterisieren? Sie kommt aufwühlend, lehrreich, grotesk, radikal und zutiefst emotional daher. Ein ungewöhnliches Werk für Erwachsene, verbrämt mit einem auktorial erzählten Familienportrait samt direkter Transformation einer gelebten und reanimierten Erinnerung. Die spezifische Intention: Die Reflektion und Projektion von Satrapis politischer Sicht der jüngeren politischen Begebenheiten Irans. Trotz eines eher düsteren Timbres und „Nie-wieder-Nimbus’ wahrt “Persepolis“ seine Distanz. So bilanziert Marjane in einem Wiener Hospital, in das sie wegen einer Bronchitis eingeliefert wurde, dass sie zwar „eine Revolution und einen Krieg überlebt“ habe, aber beinahe an Liebeskummer gestorben sei.   Frivol ist die Episode in der ehemaligen  KuK-Monarchie ohnehin, denn hier entdeckt sie die westliche Mucke wie den Punk, zuhause musste sie derartiges illegal auf dem Schwarzmarkt besorgen.  
Es bedarf keiner besonderen Erwähnung, dass diese Zeichentrick-Persiflage es schwer haben wird, obwohl gerade die eher zweidimensionalen holzschnittartigen Schwarzweiss-Tableaus des Comics für den abendfüllenden Film manieriert worden sind. Die vor allem in der Physiognomie am kraftvollsten Figuren „spielen“ vor einem nuanciert gezeichneten Hintergrund.

Aber von Aktionismus gewollt keine Spur, auf die sonst so übliche Dynamik wird hier verzichtet, die ruhigen Bilder alternieren mit elegischen Kamerafahrten und temporären hektischen Massenszenen. Den Einzel-Gesten kommt daher viel Spielraum zugute. Das ist insbesondere auch Co-Autor Vincent Paronnaud zu verdanken.

Ein brillantes Pacing, ein extraordinärer Zeichenstil und die herrliche Abwechslung zwischen Witz und Ernst. Lobenswert auch, dass trotz der politischen wie auch biographischen Tragik der Film an keiner Stelle auf die Tränendrüsen drückt oder mit dem moralisierenden Zeigefinger zu belehren sucht. Daher ein „Must-See-Movie“ nicht nur für politisch ambitionierte Anime-Freaks.





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