VG-Wort
Die Domain Spielfilm.de verwendet Cookies für funktionale und analytische Zwecke. Durch die Nutzung unserer Seite erklärst Du Dich damit einverstanden. Weitere Cookie-Informationen findest Du hier.

Ok, einverstanden!

oder

Kritik: I'm not there (2007)


Warnung vorweg: Wenn man nicht mit den Legenden um Bob Dylans Leben und seinen vielen Inkarnationen vertraut ist, macht die spröde Charakter-Collage "I’m not there" wenig Sinn. Und zu einer unterhaltsam illustrierten Geschichte seiner Musik reicht es auch nicht ganz – dazu gibt es zu viele Längen, etwa sämtliche Szenen mit Richard Gere.
Für alle, die ein bisschen Wissen über Dylans Leben und Werk mitbringen, bietet der Film jedoch eine vergnügliche Reise entlang der gängigen Mythen, wobei Dylans Charakter für die meisten nach dem Film genauso wenig fassbar bleiben dürfte, wie eh und je.

Tatsächlich führt jeder seiner (scheinbar) bekannten Charakterzüge ein separates Eigenleben. Da wäre zunächst "Woody Guthrie", ein 11jähriger Schwarzer (Marcus Carl Franklin), der noch in den späten 1950ern auf Züge springt und Hobos mit wilden Stories aus seinem bewegten Leben beeindruckt – eine lustige Persiflage auf Dylans eigene Anfänge: Er erfand sich in New York erstmals selbst, indem er sich den Namen eines walisischen Dichters und einen knorrigen Oklahoma-Akzent aufsetzte und allerlei Anekdötchen über seine raue Vergangenheit "on the road" erfand, seinem Idol Guthrie entsprechend. 

Noch weiter hergeholt scheint Dylans Verkörperung in Frauengestalt zu sein, selbst bei einer androgynen Schauspielerin wie Cate Blanchett. Tatsächlich hinterlässt sie aber als narzisstischer Sixties-Dylan "Jude Quinn" in schwarz-weiß den stärksten Eindruck – und ähnelt ihm auch am meisten: Sprache und Gestik entsprechen 1:1 dem schnippischen Dylan aus Pennebakers Doku-Klassiker "Dont Look Back". Dabei ist Blanchett nicht nur kein Mann, sondern auch weitaus älter als der damalige Dylan.
Look und Timing der Geschichte um ihren Charakter sind ebenfalls am interessantesten, mit schrägen Begegnungen und einer längeren Kamerafahrt aus Judes Perspektive, in der er mit Fans konfrontiert wird, die sich über seinen Verrat an der Folkszene auslassen. 

Christian Bale spielt seinen Part - ein widerwilliges Folkidol, das schließlich verschwindet und Jahre später als engagierter Christ wieder auftaucht - erstaunlich  leblos und uninspiriert. Seine Szenen rettet allein die Musik. Der schwächste Charakter ist allerdings Richard Gere als gealterter Outlaw "Billy the Kid", anscheinend eine surreale und oberflächliche Hommage an Sam Peckinpahs Western "Pat Garrett & Billy the Kid" (1973, Dylan trat darin als Schauspieler und Sänger auf) und Dylans zurückgezogenes Leben in Woodstock. Dabei liegt das Problem nicht wirklich bei Gere, sondern an der gestelzten, aufgesetzten und schlicht langweiligen Handlung seiner Szenen, die kaum noch etwas mit Dylan zu tun haben.

Zu Dylans Frauen: Julianne Moore taucht als wohlwollende Joan Baez-Figur auf, die sich in einer Fake-Doku an die gemeinsame Zeit erinnert. Michelle Williams verwirrt in einigen Szenen als skurrile "Coco", einem offensichtlich Edie Sedgewick nachempfundenen It-Girl.
Die Frau in Dylans Leben stellt Charlotte Gainsbourg dar, wobei ihr Charakter, eine französische Malerin namens Claire, Sarah Lownds ebenso wenig ähnelt, wie Heath Ledger als Robbie Clark, einem Filmstar der 70er, Dylan selbst nahe kommt. Die Liebesgeschichte der beiden bildet allerdings das emotionale Herz des Films. Zwar bleiben die Figuren selbst schwammig, werden aber von Gainsbourg und Ledger – in der letzten Rolle, in der er sich selbst noch sehen konnte – als Liebende behutsam mit Leben versehen. Woran genau ihre Ehe scheitert lässt der Regisseur dann aber einigermaßen offen. Wohl auch, um seinem Idol nicht zu sehr auf die Füße zu treten.

All die Figuren und Geschichten springen munter durcheinander, immer wieder unterbrochen von lakonischen Sätzen des jungen Dichters "Arthur Rimbaud" (Ben Whishaw), dem einzigen Charakterzug, der keine Story mit sich bringt.
Nebenbei gelingen Todd Haynes durch den spekulativen, impressionistischen Stil präzise Schnappschüsse verschiedener Epochen: Kurze Originalclips wechseln sich mit Fake-Doku-Versatzstücken ab, auf Schwarz-Weiß-Szenen folgen satt farbige Westernbilder, wie beiläufig werden Referenzen an Jean Luc Godard und eine lustige Parodie von "A Hard Day’s Night" eingestreut.
Dem Chamäleon Bob Dylan ist diese gewagte Charakterstudie sicherlich angemessener als formelhafte, geradlinige und übermäßig ehrerbietende Biopics wie "Ray" oder "Walk the Line". Dylan ist zwar nie wirklich da, aber in Gestalt von Cate Blanchett zumindest in einer Facette klar zu erkennen - allein ihre Darstellung macht den Film schon absolut sehenswert.





Spielfilm.de-Mitglied werden oder einloggen.