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Free Rainer - Dein Fernseher lügt
Free Rainer - Dein Fernseher lügt
© 2007 Kinowelt GmbH

Kritik: Free Rainer - Dein Fernseher lügt (2007)


Was wäre unsere Wahrheit und Wirklichkeit, wenn sie nicht als asoziale Amüsements, degenerierte Doku-Duelle oder hohle Hilfe im Showgewand in die heimischen Stuben gesendet werden? Da deckt Fernsehen sämtliche Lebensbereiche, schwache Lebenssituationen und schweres Lebensleiden sinnvoll ab: So erfährt der Zuschauer in Dokusoaps die erregenden Eigenschaften zu renovierender Wohnungen als Einsätze in vier Wänden, rudimentäre Gesetze der Physik von „Mythbusters“ oder partnerschaftliche Krisenbewältigung zur Mittagszeit: „Feuerwehrmann Frank ist bei einem Unfall gestorben. Zwei Monate später bittet er seine Geliebte per Videoband darum, Vater zu werden…“

Heilsame Hilfestellung leisten da ebenso die täglichen Talk-Shows: Existentialistische Probleme wie “Wer von meinen vier Ex-Männern ist der Vater meines neunten Kindes?“ werden hier öffentlich thematisiert wie die heillose Hilflosigkeit, wenn der Schwiegervater der besten Freundin mit dem eigenen Königspudel durchgebrannt ist. Die eherne Erfahrung mit deutscher Jurisprudenz erfährt der Betrachter in „Gerichtsshows“; wenn frustrierte Ehefrauen fremdgehende Männer filettieren oder die angefressene Affäre den Dreier durch eine „italienische Scheidung“ mit Zement und tiefem Gewässer zu lösen versucht.

Es gibt aber auch Optimistisches im deutschen Fernsehmoloch, wie der hilfreiche „Wedding-Planer“ und das „Auswanderer-TV“ für jene, die sich von „Perfekten Dinners“ und „Kocharenen“ Magengeschwüre angefressen haben: Wie man mit Bratwurst und Pommes bestens im ewig sonnigen Mozambique reüssiert, verraten mittlerweile fast alle Kanäle.

Und verraten werden wir alle von Rainer: Moritz Bleibtreu spielt eben diesen Rainer, einen TV-Produzenten, der den Leuten Trash-TV frei Haus liefert, mit einer seiner Shows wie „Hol’ dir das Superbaby“ jagt er Quotenrekorde en masse. Hemmungslos pudert er sich das Näschen, bis ihm das Blut gleich literweise auf das weiße Hemd schießt, rast durch Berlin, hört harten Rap, säuft Wodka und begrüßt andere mit gestrecktem Mittelfinger. Durch seine rasante Fahrweise nehmen sich übrige Verkehrsteilnehmer mit ihrem Tempo aus, als beführen sie den Straßenstrich. Und hemmungslos haut Rainer seinen Schlitten mit einem Baseballschläger zu Klump, um somit die avisierte Prügel von sprachlosen Skinheads, deren Auto er gerade geschrottet hat, zu umfahren.   Dann die Wende: Er überlebt ein Attentat nur knapp: Die Rache einer jungen Frau (Elsa Sophie Gambard), deren Großvater sich nach einer von Rainers Sendungen erhängt hatte. Rainer, knapp dem Tode von der Schüppe gesprungen, probiert ein seriöseres Fernsehformat aus, das aber nach der ersten Episode wegen Quotenmangel wieder abgesetzt wird. Die Quoten müssen also manipuliert sein. Rainer hängt seinen Job an den Nagel und bricht auf in einen irrwitzigen Kampf um die Macht über die Quoten…  

Man mag „ Free Rainer“ nun als medienkritische Film-Burleske oder simpel als unterhaltsames Kritiker-Kino betrachten; das bleibt dem Zuschauer selbst überlassen. Wichtig ist vor allem, daß ein profunder Kern, eine insistierende Intention amüsant verpackt daherkommt. Der Film macht Freude, ohne den pädagogischen Zeigefinger, eher im sinne von Oliver Kalkofe:Fernsehen ist so eine Art geistige Neutronenbombe. Das Gehirn wird weggestrahlt, aber der Kopf bleibt stehen.“ Aber ganz ohne Glotze? Geht nicht, gibt’s nicht, nur den Knopf zum An- und Abschalten...





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