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Die Unbekannte
Die Unbekannte
© Senator Film

Kritik: Die Unbekannte (2006)


Giuseppe Tornatore lehnt sich sehr weit heraus mit seinem offensichtlich ehrgeizigem jüngsten Werk – Sozialkritik, Familiendrama, Thriller mit Lynch-esken Momenten und Anspielungen auf Hitchcock und Kubrik... zusammen passt das alles in der rätselhaften, spannenden ersten Hälfte, danach laufen einzelne Handlungsmomente nach brachialen Wendungen aus dem Ruder.
Das Schwelgerische aus Tornatores früheren, von den warmen Farben Süditaliens ausgeleuchteten Filme wie „Cinema Paradiso“ und „Malèna“ taucht nur mehr vereinzelt in makaberen, irritierenden Backflashs auf – grauenhafte Szenen aus der Vergangenheit der Protagonistin flackern in gleißendem Licht auf, während ihr Leben in einer unbenannten norditalienischen Stadt verhalten noir-esque bebildert ist.
Ein bestürzender Anfang legt als bitterer kurzer Prolog die Stimmung des Films, nämlich Beklemmung, fest. Ennio Morricones unheilschwangere, das „Psycho“-Motiv zitierende Musik, peitscht die Atmosphäre zusätzlich auf. Xenia Rappoport spielt Irena, eine geheimnisvolle Ukrainerin, von der man nicht weiß, was in ihrem Kopf vor sich geht und ob man ihr – und ihrer Wahrnehmung – überhaupt trauen kann. Sie nimmt eine unterbezahlte Putzstelle an, obwohl sie jede Menge Geld mit sich herumträgt und eine teure Wohnung anmietet. Dann zeigt sie extremes Interesse an der Goldschmiedin Adacher (Claudia Geriini) und deren kleinen Tochter Tea (Clara Dossena), besorgt sich einen Nachschlüssel für ihre Wohnung und krallt sich eine Stelle als Haushälterin. Irena geht bei ihrem mysteriösen Vorhaben unbeirrt bis brutal vor, erscheint aber gleichzeitig zutiefst verstört – und gewinnt schließlich allein mit den blitzartigen Schnappschüssen ihrer Erinnerung die Sympathien der Zuschauer. Außerdem spielt Rappoport gekonnt verhalten um sämtliche Kitschfallen herum und das sogar noch am reichlich dick aufgetragenen Schluss des Films.

Die Unbekannte“ ist ein verstörendes, wenn auch schön anzusehendes Krimidrama, das Fans von Tornatores normalerweise weichgezeichnetem Italienbild ziemlich überraschen dürfte. Der ambitionierte Genremix funktioniert größtenteils dank der bis in die Nebenrollen perfekten Besetzung, allen voran die russische Newcomerin Rappoport. Die anfangs noch mysteriöse Krimihandlung ufert im letzten Drittel leider in ein wackliges Charakterdrama mit aufgepropfter Sozialkritik aus.





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