VG-Wort
Die Domain Spielfilm.de verwendet Cookies für funktionale und analytische Zwecke. Durch die Nutzung unserer Seite erklärst Du Dich damit einverstanden. Weitere Cookie-Informationen findest Du hier.

Ok, einverstanden!

oder
The Darjeeling Limited
The Darjeeling Limited
© 20th Century Fox

Kritik: The Darjeeling Limited (2007)


Mit Wes Anderson verhält es sich ähnlich wie mit David Lynch oder Lars von Trier: Die einen empfinden seine Filme als prätentiös oder gewollt "artsy", die anderen schätzen seine Macken. Dies nur als Gebrauchsanweisung vorweg, denn wer Anderson schwach findet, wird auch "Darjeeling" nicht mögen: Der Regisseur perfektioniert seinen beiläufigen, leichten Erzählstil, mit sperrigen Charakteren – die nicht unbedingt sympathisch sein müssen – und mürbem Humor. Fans von schwergewichtigen Werken mit geradliniger Dramaturgie und stringenter Spannungskurve sollten sich die eigenwillige Mischung aus Railroadmovie und Familiendrama also nicht unbedingt antun. Die Geschichte beginnt in dem bunten (fiktiven) indischen Zug "The Darjeeling Limited": Francis (Owen Wilson) empfängt seine jüngeren Brüder Peter (Adrien Brody) und Jack (Jason Schwartzman), die er seit der Beerdigung des Vaters vor einem Jahr nicht mehr gesehen hat. Er klärt sie über den Grund der Reise auf: Eine spirituelle Wiederannäherung der Brüder soll der Trip werden – indem man jede Menge Tempel abklappert, nach einem minutiösen Stundenplan, den ein unauffällig mitreisender Assistent austüftelt. Was seine Brüder allerdings viel mehr interessiert: Warum ist Francis’ Gesicht durch Narben und Bandagen entstellt? Tatsächlich war der Älteste durch einen vermutlich absichtlichen Motorradsturz dem Tode nahe und wurde sich danach bewusst, wie viel ihm an den Brüdern liegt. Wer nun eine durch erleuchtete Selbstfindung herbeigeführte Wiederherstellung der Familienharmonie erwartet, liegt falsch.
Die drei kultivieren klassischen Geschwisterzwist: Zunächst trifft der Kontrollfreak Francis dreist sämtliche Entscheidungen. Und wie unter Kindern wird der Dritte ausgeschlossen, sobald zwei mal alleine zusammen sind. Dass alle drei hemmungslos dem Konsum verschreibungsfreier Medikamente frönen, macht die Reise auch nicht leichter. Zudem verfolgt Francis eine geheime Mission: Er hat mit Hilfe eines Privatdetektivs ihre Mutter (Anjelica Huston) aufgespürt, welche ihre Familie vor Jahren hinter sich gelassen hat, als Nonne in einem tibetischen Kloster lebt – und von dem Überraschungsbesuch alles andere als angetan ist. Parallel entrollt der Film Indien als Stimmungstableau: Kleidung und Soundtrack beschwören die 60er und 70er herauf, leuchtende Farben und ästhetische Zeitlupen erinnern an die Magical Mystery Tour. Der Zug wurde vom Produktionsdesigner Mark Friedberg frei nach Fantasie bezaubernd ausgestaltet, als bunter Minikosmos mit altmodischem, leicht heruntergekommenem Luxus à la Orientexpress.
Darin bewegen sich die drei mit der unbekümmerten Arroganz amerikanischer Upper Class Twits. Sie kaufen schräge Souvenirs – unter anderem eine lebende Kobra – Jack gewinnt Bordstewardess Rita für einen Quickie und Zurechtweisungen des Zugchefs werden nicht allzu ernst genommen. Das Herz des Films schlägt allerdings in einer unerwarteten, stillen Begegnung in einem kargen Wüstendorf. Dort erleben die drei Sonderlinge Trauer mit Würde und Momente friedlicher Einkehr, während die zuvor im Zug erzwungene Nähe sie eher auseinander trieb.
Insgesamt verleihen die Eigenwilligkeiten und enthüllten Geheimnisse der Brüder dem Film eine verquere Dynamik. Während der Zug sie weiterbringt, bleiben sie bewegungslos – und gewissermaßen auf der Strecke. Gemeinsam schleppen die drei das Erbe des Vaters herum, als Berg von schicken, (speziell für den Film gefertigten) Louis Vitton-Taschen.Vertrautheit und Beengtheit unter Geschwistern stellen die Schauspieler mit verblüffend nüchternem Understatement her. Owen Wilson ist, wie auch der Regisseur, der mittlere von drei Brüdern. Schwartzmann, ein Co-Autor des Drehbuchs, enstammt der Coppola-Dynastie. Er hat neben einem zwanzig Jahre älteren Halbbruder noch einen zwei Jahre jüngeren Bruder. Nur Brody ist Einzelkind. Mit melancholischem Blick und abrupten Stimmungsumschwüngen passt er perfekt in Andersons regelmäßige Riege leicht verschrobener Käuze. Wilsons Francis, dessen kontrollierte Entschlossenheit durch seine traurig-verlorenen und von Pflastern umgeben Augen demontiert wird, bekommt mit dem Selbstmordversuch des Schauspielers kurz vor der Filmpremiere natürlich eine zusätzlich bittere Nuance.
Um Jacks Charakter zu verstehen – im Film der blasseste – sollte man sich unbedingt zuvor "Hotel Chevalier" ansehen, einen schon vor zwei Jahren gedrehten Kurzfilm mit Nathalie Portman als fatale Freundin. Der Film wird überwiegend als "Teil 1" von "The Darjeeling Limited" vorweg gezeigt, ist ansonsten aber auch im Internet zu finden.
Wie eingangs bereits gesagt, wird der Film Anderson-Verächter in ihrer Meinung bestätigen, während Fans bekommen, was sie erwarten – garniert mit Exotik und dem spröden Charme der drei Hauptdarsteller. Daher ist der Film auch als Einstiegswerk für alle zu empfehlen, die noch keinen seiner Filme kennen.




Spielfilm.de-Mitglied werden oder einloggen.