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Kritik: Killer of Sheep (1977)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 5 / 5

Charles Burnett wird bei der kommenden Verleihung im März 2018 einen der Ehrenoscars erhalten. Eine späte Anerkennung für einen Filmemacher, dessen Werke zwar früh von offizieller Seite, etwa durch die Aufnahme in das nationale Filmregister der US-amerikanischen Kongressbibliothek, gewürdigt wurden, der in der Filmgeschichtsschreibung wie in der breiten Öffentlichkeit aber deutlich zu wenig Beachtung erfährt. Dabei hat bereits Burnetts Debütfilm "Killer of Sheep" aus dem Jahr 1977 alle Qualitäten eines Klassikers.

Der 1944 in Vicksburg, Mississippi geborene Burnett realisierte "Killer of Sheep" als Abschlussarbeit seines Studiums an der University of California (UCLA) in Los Angeles. Das geringe Budget von weniger als 10 000 Dollar ließ nur einen Dreh an den Wochenenden an Originalschauplätzen und überwiegend mit Laiendarstellern zu. Doch gerade aus dieser Not macht Burnett eine Tugend, verströmen seine grobkörnigen Handkameraaufnahmen und die Amateure doch eine unglaublich authentische Atmosphäre.

Inhalt und Stil lassen an den italienischen Neorealismus, ans Direct Cinema oder an John Cassavetes frühe Regiearbeiten und das davon inspirierte New American Cinema denken. Charles Burnett selbst hat Jean Renoir als Vorbild genannt. Obwohl Burnett im Grunde nichts anderes tut, als seinen Figuren bei ihrem Alltag zuzusehen, gelingen ihm dabei wunderschöne Aufnahmen, die durchaus an den Poetischen Realismus des als Vorbild genannten Franzosen erinnern. Dann fängt die von Burnett selbst geführte Kamera in extremer Untersicht Kinder ein, die schemenhaft von Hausdach zu Hausdach springen, lässt Schafe in der Schlachterei im Takt der Bluesmusik baumeln oder ein Paar zu Dina Earths bittersüßer Stimme des Songs "This bitter earth" vor dem Gegenlicht einer verstaubten Fensterscheibe tanzen.

Das ist großes, bewegendes Kino. Denn Burnett nimmt die Menschen, wie sie sind. "Killer of Sheep" wirft einen kurzen Blick auf eine Gemeinschaft in einem Stadtteil in Los Angeles, bei der Jahrzehnte nach der Bürgerrechtsbewegung nichts von deren Errungenschaften angekommen ist. Burnetts Figuren sind bitterarm, kämpfen täglich ums Überleben und sind dennoch meilenweit entfernt von den üblichen Stereotypen über arme Afroamerikaner. Gerade hier lohnt die Rückschau. Denn von "Killer of Sheep" lässt sich eine direkte Linie zu Barry Jenkins oscarprämiertem "Moonlight" (2016) ziehen.

Fazit: Ein wenig beachteter, aber unbedingt sehenswerter Klassiker des US-amerikanischen Kinos, der durch seinen mitfühlenden Blick und seine beiläufige Schilderung des Alltags von Menschen am Rande der Gesellschaft überzeugt. Filmemacher Charles Burnett gelingen trotz aller Tristesse wunderbare Momente von poetischer Schönheit.




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