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Kritik: Coraline (2009)


Dass CGI und 3D nicht der letzte Höhepunkt in Sachen Animation sind, zeigt "Coraline", der erste Stop-Motion 3D-Film von Henry Selick, dem Regisseur von "Nightmare before Christmas" (1993) und "James und der Riesenpfirsich" (1996). Ihm ist damit ein zauberhaftes Gruselmärchen mit eindringlicher Raumtiefe und unzähligen liebevollen Details gelungen – auf die üblichen 3D-Schockeffekte verzichtet Selick vollends.
Der Inhalt steht allerdings deutlich hinter dem Kaleidoskop von skurrilen magischen Ideen und Gimmicks zurück. Ob das im Buch auch der Fall ist, kann ich nicht beurteilen, denn bisher ist mir der Name Neil Gaiman nur aus Diskussionen über Scientology oder Buchillustrationen bekannt - und allein des Filmes wegen muss ich es immer noch nicht lesen. Denn die zugrunde liegende Story ist eine schlichte Moralfabel mit Anleihen an "Alice im Wunderland" und die "Narnia"-Geschichten: Coraline zieht mit ihren arg abwesenden, leicht schroffen Eltern aus Michigan ins ferne Oregon, in ein altes rosa Haus mit gar drolligen Bewohnern – zwei ehemalige Revuegirls und ein russischer Artist, der Springmäuse dressiert. In ihrem Alter gibt es nur einen ähnlich obskuren Jungen namens Wybie. Why indeed.
Denn Coraline funktioniert auch ganz alleine - sie erlebt ein typisches Wunschmärchen: In ihrem eigenen Haus entdeckt sie den Zugang zu einer Parallelwelt, in der ihre Eltern wunderbar aufmerksam, nur auf sie bezogen und obendrein wahre Kochkünstler sind. Doch: Statt Augen tragen sie krude aufgenähte schwarze Knöpfe. Und wem das jetzt schon zu gruselig ist – es kommt noch krasser. Daher ist der Film für sehr junge und gar nicht gruselerfahrene Kinder nicht zu empfehlen. In der Tat zeigt die Altersgabe wieder mal die Fragwürdigkeit des FSK-Systems: Sechsjährige, die "Coraline" sehen, sollten schon starke Nerven und eventuell auch wasserdichte Laken ihr Eigen nennen. Während zwölf dann schon wieder viel zu hoch angesetzt wäre… Kinder, die sich vor Burtonesquem fürchten, sind auch zu jung für "Coraline".
Wie üblich im Märchen, geschieht nämlich die plötzliche Erfüllung von geheimen Wünschen nicht ohne Preis. Die vermeintlich perfekten Eltern haben natürlich finstere Seiten, während Coraline das natürlich fast zu spät klar wird. Dafür darf man in der Ausstattung der Zauberwelt schwelgen – unter anderem mit einem wahrhaft phantastischen Garten und geflügelten Zwergschnauzern. Katzenfreunde werden mit einem zauberhaften Kater beglückt, der im Gegensatz zur Cheshirekatze sinnvolle Ratschläge von sich gibt. Und das Stop-Motion-Flair wird mit Puppenmetaphern und Voodooanklängen auf eindrucksvolle Weise verstärkt.
Das Resultat ist ein optisch bahnbrechender, spannend- gruseliger und skurriler Animationsfilm, der sich dennoch auf bodenständige Weisheiten und traditionelle Erzählmuster verlässt.





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