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Kritik: Watchmen - Die Wächter (2009)


Superheldencomic-Adaptionen boomen, wie noch nie zuvor. Letztes Jahr gingen gleich drei an den Start: Regisseur Chris Nolan brachte mit "The Dark Knight" die lang ersehnte Fortsetzung seiner Batmanreihe auf die Leinwand zurück, und einer der größten amerikanischen Comicverlage "Marvel", realisierte zum ersten Mal mit eigener Film-Produktionsgesellschaft, gleich zwei Filme. "Iron Man" feierte Premiere und "Der unglaubliche Hulk" sollte rehabilitiert werden. Ang Lees erste Adaption aus 2003 hatte bei den Fans einen fahlen Nachgeschmack hinterlassen.
Dieses Jahr bekommt ein weiterer Marvel-Held einen eigenen Film: Die Figur des aus "X-Men" bekannten "Wolverine", startet Ende April mit dem Spin-off "X-Men Origins: Wolverine". Zuvor aber haben die "Watchmen" aus dem Hause "DC" (Detective Comics), dem Verlag, der auch die Rechte für "Batman" und "Superman" innehat, ihren Auftritt. Und diese Helden sind irgendwie anders.

Wir befinden uns Mitte der 1980er Jahre, und auf den ersten Blick könnte dies glatt die uns bekannte Vergangenheit sein. Der erste Eindruck täuscht: Es ist nicht unsere Zeitlinie, vielleicht nicht einmal unsere Welt, wie wir sie kannten. Der Kalte Krieg tobt und Richard Nixon ist immer noch Präsident der Vereinigten Staaten. Keine Spur einer Ost-West-Entspannung, geschweige denn von nuklearer Abrüstung. Unversöhnlich und atomwaffenstarrend stehen sich USA und Sowjetunion gegenüber.
Die Menschheit steht am Rande des atomaren Holocausts. Die einzigen, die helfen könnten, wurden per Dekret, dem "Keene-Act", verboten. Bediente man sich während des II. Weltkriegs und zur Zeit der Kriege der USA in Südostasien noch dieser Superhelden, ist ihnen nun das Wirken untersagt. Zu sehr gerieten sie wegen Selbstjustiz in Verruf. Heute leben diese Ausgemusterten als Normalbürger unerkannt oder ,wenn das nicht geht, wie im Falle von "Dr. Manhattan" (Billy Crudup), einem ehemaligen Wissenschaftler der durch einen Strahlenunfall nahezu unbegrenzte Macht erhielt, arbeiten sie zurückgezogen in der Forschung. Für Aufruhr sorgt plötzlich der gewaltsame Tod eines der Superpensionäre: "The Comedian" (Jeffrey Dean Morgan) wird in seiner Wohnung ermordet. Sein alter Freund "Rorschach" (Jackie Earle Haley), der nach dem Verbot der Helden nicht abgedankt ist, stattdessen auf eigene Faust im Untergrund der Verbrecherjagd nachgeht, vermutet mehr hinter diesem Mord. Er will die alte Truppe zusammentrommeln, um gemeinsam zu ermitteln. Alles sieht nach einer gigantischen Verschwörung aus.

"Watchmen" nach dem berühmt-berüchtigten Comic von Alan Moore zeichnet ein düsteres, apokalyptisches Bild von einem Amerika, das bestimmt keiner haben will. Die Fans der Comicserie mussten über 20 Jahre auf eine adäquate Adaption warten. Mit Regisseur Zack Snyder scheint sich nun der Richtige gefunden zu haben. Schon seine Umsetzung von "300", nach der Graphicnovel von Frank Miller, sorgte für Furore. Dem dabei etablierten visuellen Stil, der markanten Optik und der eigenwilligen szenischen Umsetzung blieb Snyder treu. Ein wenig auf die Bremse trat er bei den Martial-Arts-Sequenzen: Anders als bei "300", verzichtet er weitgehend auf die bekannte Zeitlupenaction. Die Szenen wirken dadurch wesentlich greifbarer, bleiben aber, wie nicht anders zu erwarten, martialisch-blutig.

Den besonderen Reiz von "Watchmen" macht aber vor allem aus, dass sich gleich zu Beginn eine Reihe von Assoziationen einstellen. Diese mehr oder minder bekannten Motive werden geschickt so verknüpft, dass man durchgehend sowohl Deja-vu-Augenblicke, als auch verstörend Befremdliches erlebt. Die Welt ist eine Mischung aus 70er/80er-Retrolook und postmoderner Optik im Stile eines "Blade Runners". Die Superhelden wirken wie aus diversen anderen (Arche-)Typen zerschnipselt und neu zusammengesetzt. Man entdeckt ein bisschen Clark Kent (Superman), ein wenig Bruce Wayne (Batman) und doch ist alles anders.
Besonders zeigt sich das im Umgang der Helden mit ihren Kräften: Altbekannte Friedenswächter wie "Spiderman" setzen immer nur gerade soviel Gewalt ein, wie eben notwendig (selbst wenn ihr Gegner sie zu Töten versucht, versuchen sie ihn nach Möglichkeit auszuschalten, ohne sein Leben zu gefährden). Die düsteren Verbrechensbekämpfer in "Watchmen" hingegen sorgen dafür, dass ein Angreifer in der Regel kein zweites Mal in der Lage sein wird, wieder jemanden zu bedrohen - eine Ethik, die mehr als fragwürdig ist.
Überhaupt dreht sich bei diesem Film viel um ethische Dilemmas: den Umgang mit Helden, die für die Regierung jahrzehntelang Drecksarbeit erledigten und als man sie nicht mehr brauchte, ausrangierte; die Sünden, die diese Helden begangen haben und für die sie nie zur Rechenschaft gezogen wurden. Es gibt es keine Gut-und-Böse-Schemata im üblichen Sinne. Die Figuren haben komplexe Innenleben, leiden unter Affekten, sind depressiv, egoistisch, narzisstisch, selbstgerecht, trinken zu viel und einige werden von verquerem Gerechtigkeitssinn getrieben. Alles ist endlose Grauzone und selbst das Finale liefert eine Auflösung, die allem entgegenläuft, auf dem unser ethisches Verständnis von richtig und falsch fußt.

Fazit: "Watchmen" ist Kino für kritisch Hinterfragende, Liebhaber von schrägen Storys und Fans von globalen Verschwörungsszenarien. Die ambivalente bis mitunter sehr fragwürdige Moral liefert dabei anschließend reichlich Stoff für heiße Diskussionen.





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