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Wall Street: Geld schläft nicht
Wall Street: Geld schläft nicht
© 2010 Twentieth Century Fox

Kritik: Wall Street: Geld schläft nicht (2010)


Mitten zu Beginn der New Economy lieferte Oliver Stone mit "Wall Street" sein düsteres Portrait der US-amerikanischen Finanzwelt. Am Beispiel des Börsenmoguls Gordon Gekko und des kleinen Emporkömmlings Buddy Fox skizzierte er eine Welt ohne Gewissen, Moral und Skrupel, die steigender Börsenkurse willens über Leichen geht. Der Ton damals war zynisch und prägnant, die Dialoge markig und entlarvend, die Geschichte war fokussiert und final bekamen die Fieslinge sogar das, was sie verdienten. Über 20 Jahre später kehrt Stone nun noch einmal aufs glatte Börsenparkett zurück und erzählt eine neues Kapitel aus dem Leben Gekkos (Michael Douglas).

Das Kapitalkarussel drehte sich weiter, seit die New-Economy-Blase platzte. Anstatt aber daraus zu lernen, stürzte sich die amerikanische Ökonomie anschließend gleich in noch spekulativere Geschäfte, extrem riskante Immobiliengeschäfte und bescherte 2008 eine noch viel gewaltigere Krise, die nur dadurch aufgefangen wurde, dass die Regierungen der führenden Industriestaaten weltweit für über eine Billion Euro an faulen Hypothekenkrediten, welche die Banken gewährt hatten, gerade standen. Kurz bevor die Hypothekenseifenblase platzt, beginnt die Kernstory um den zweiten Aufstieg Gekkos. Michael Douglas gibt hierin erneut den gewissenlosen Manipulator und Verführer. In die Fußstapfen von Charlie Sheen, der sich in seiner Filmrolle im ersten Teil aus der Arbeiterschicht an die Wall Street hocharbeitete und in der Folge der Aura des Meisters anheim fiel, tritt Shia LaBeouf alias Jake Moore. Allerdings ist dieser in der Fortsetzung bereits zu Beginn ein erfolgreicher Broker.

Mit einem Gekko, der augenscheinlich aus dem Spiel ist und einem jungen Protagonisten als Gegenpart, der zu Beginn bereits derart erfolgreich ist, wie sein Pendant aus den 80ern erst gegen Ende des Films, kann sich aber keine Dynamik im Stile teuflischer Meister und verführter Adlatus etablieren. Anstelle dessen setzt Stone bewusst auf Familienmotive und entwickelt eine Dreiecksbeziehung aus Vater, Tochter und Schwiegersohn in spe, die sich in die Finanzstory um den heranbrausenden Kollaps nicht wirklich gut einfügen will, dennoch dafür herhalten muss, die Story voranzutreiben. Trotz der ultimativen Vorlage einer globalen Krise, die einen trefflichen Handlungsrahmen bieten würde, um die schmierigen Machenschaften der Finanzwelt an den Pranger zu stellen, ist "Wall Street – Geld schläft nicht" in seinem Ton längst nicht so zynisch, wie es noch der Vorgänger war. Weder reichen die Dialoge an die Qualität des ersten Films heran, noch vermögen die Charaktere wirklich zu fesseln.

Abgesehen von dem souverän agierenden Michael Douglas und dem großartigen Frank Langella, der eine kleine Nebenrolle inne hat, liefern die anderen Darsteller kaum nennenswerte Impulse. Bestenfalls Josh Brolin vermag noch als plakativer Bösewicht zu überzeugen, während Shia LaBeouf als Karrierist weit hinter der Leistung von Charlie Sheen aus dem ersten Teil zurückbleibt. Auch seine Filmpartnerin Carey Mulligan, die vor nicht allzu langer Zeit für ihre Rolle in "An Education" noch mit einer Oscar-Nominierung belohnt wurde, zeigt sich hier eher eindimensional, obwohl ihre Filmfigur deutlich mehr Präsenz besitzt als seinerzeit jene von Daryl Hannah. Der Umfang ihrer Rolle beschränkt sich überwiegend auf viele Tränen und darauf, wie ein waidwundes Bambi aus der Wäsche zu schauen. Wie ihre Rolle im Drehbuch aber bedacht wurde, kann ihr schlecht negativ angelastet werden.

Was dem Film an Substanz und erzählerischer Dichte abgeht, versucht Stone nebst Familiendrama-Qualitäten durch den stylischen Charakter, die süffisante Filmmusik, spielerische Symbolik und diverse Zitate aus dem ersten Teil aufzufangen. Bereits der Untertitel "Geld schläft nicht" ist ein Filmzitat aus dem 80er-Jahre-Film und Charlie Sheens gigantisches Mobiltelefon bekommt ebenfalls einen neuerlichen Auftritt spendiert. Darüber hinaus weisen im Park spielende Kinder, die Seifenblasen in die Luft pusten, auf das kommende Platzen der Kapitalblasen hin. Stone zeichnet Börsenindizes in den Himmel und benutzt die Skyline als Kurve der Aktienwerte – und als die Talfahrt der Kurse beginnt, gleitet die Kamera in rasantem Sturzflug an der Fassade eines Wolkenkratzers herab. In solchen Augenblicken entsteht das Gefühl, dass der Regisseur makaber an die Fensterstürze manch eines Börsianers von 1929 aus der Zeit der ersten Weltwirtschaftskrise erinnern wollte.

Fazit: Solide konstruierte Fortsetzung, die mit viel Fachvokabular jongliert und die dramatischen Akzente zu sehr auf zwei Ebenen verteilt, was die erzählerische Linie verwässert. Hinzu kommt, dass die Bewertung der Finanzwelt diesmal deutlich zaghafter ausfällt. Am Ende gibt es kaum echte Verlierer, auch wenn die meisten Charaktere kaum Sympathiewettbewerbe gewinnen könnten. Aber vielleicht ist genau das die essentielle Aussage: Egal was passiert, die wirklich Großen bleiben stets im Sattel.





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