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Kritik: Lebanon (2009)


Juni 1982. Ein einzelner Panzer steht auf einem Sonnenblumenfeld, vier junge Soldaten warten in dem schweren Gefährt. Ein Kommandeur kommt und sie erfahren, dass sie eine Fußtruppe bei der Kontrolle von feindlichem Gebiet unterstützen sollen. Angeblich wird es ein „Spaziergang“, aber dieser erste Tag des Libanonkrieges wird den Soldaten – und mit ihnen auch den Zuschauern – die Schrecken des Krieges eindringlich vor Augen führen.

Nur in der ersten und letzten Szene des Films wird der Zuschauer die Perspektive der Soldaten in dem Panzer verlassen, ansonsten sieht er das äußere Geschehen durch das Zielfernrohr und ein Nachtsichtgerät. Durch diese radikale Subjektivität konzentriert sich alles auf die Geschehnisse in dem Panzer, die Konflikte unterhalb der unerfahrenen Soldaten, vor allem aber auf ihren Kampf mit dem Krieg. Angelehnt an Wolfgang Petersens „Das Boot“ konstruiert der israelische Regisseur Samuel Maoz auf diese Weise eine klaustrophobische Spannung, die immer wieder die Aussichtslosigkeit des Unterfangens der Soldaten verdeutlicht. Allerdings gelingt es ihm nicht, eine emotionale Nähe des Zuschauers zu den vier Soldaten in dem Panzer herzustellen. Auch die Perspektive bedingt eine Distanz zu dem Kriegsgeschehen. Über weite Strecken erlebt der Zuschauer die Schrecken des Krieges geschützt durch das Eisen des Panzers. Zusammen mit der mangelnden Identifikation mit den Charakteren erscheint das Geschehen daher wie eine Demonstration der Erlebnisse der Soldaten während eines Krieges.

Vermutlich hatte Samuel Maoz diese Wirkung auch im Sinn. Mit seinem Film verarbeitet er seine eigenen traumatischen Erfahrungen im Libanonkrieg, der Bordschütze Shmulik (Yoav Donat) ist nachgerade als sein Alter Ego zu sehen. Dennoch lässt sich die Traumatisierung der Soldaten auf jegliche Kriegsschauplätze verlagern. Die Szenerie des Krieges, die „Lebanon“ entwirft, könnte ebenso gut im Irak oder in Afghanistan liegen. Hier hat Maoz allgemeingültige Bilder gewählt: die weinenden Augen eines Tieres, die entblößte Frau, der sterbende Kamerad. Auch stellt er nicht die Frage nach Schuld oder Verantwortung. Stattdessen konzentriert er sich auf die Soldaten, die nicht nur jung und unerfahren, sondern offensichtlich auf diese Erlebnisse nicht vorbereitet sind. Der Schütze wagt nicht zu schießen und ist dadurch an dem Tod eines Kameraden beteiligt; der Befehlshaber in dem Panzer übernimmt keine Verantwortung. Sie gleichen sich im Verlauf des Films – äußerlich verschmutzt durch Dreck – immer mehr an, sie werden ebenso austauschbar wie die Kulisse des Krieges. Damit wird Maoz‘ Botschaft offenkundig: Soldaten überall auf der Welt machen solche Erfahrungen im Krieg. Nur eines bleibt letztlich individuell: die Art der Traumatisierung.

Fazit: Mit subjektiver Erzählweise macht Samuel Maoz in seinem eindringlichen Film „Lebanon“ das Trauma des Krieges für den Zuschauer erfahrbar.




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