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Kritik: Prisoners (2014)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Entführungsthriller gab es in der Vergangenheit mehr als genug. Die Bandbreite reicht von durchaus soliden Regiearbeiten wie "Kopfgeld – Einer wird bezahlen", mit Mel Gibson in der Hauptrolle; über schrill-nervige Inszenierungen im Stile von "Flightplan – Ohne jede Spur" mit Jodie Foster; bis hin zu stillen Meisterwerken. Eines der bemerkenswertesten ist Clint Eastwoods "Mystic River", mit den außergewöhnlich gut aufspielenden Hollywood-Stars Sean Penn und Tim Robbins.

Mit diesem Film verbindet "Prisoners" einiges. Über Ähnlichkeiten in der Kameraarbeit und der atmosphärischen Dichte, die das Publikum allmählich mehr und mehr in den Bann zieht, sind es vor allem die beiden Protagonisten, die hervorstechen. Nicht selten kommt es vor, dass gute Nebendarsteller den vermeintlichen Hauptakteuren die Show stehlen. Nicht so bei "Prisoners". Um die Figuren, die von Hugh Jackman und Jake Gyllenhaal verkörpert werden, zentriert sich die gesamte Handlung wie in einem schicksalhaft verwobenem Duell. Vor allem Jackman, der ein wenig achtgeben muss nicht auf seine Rolle als klauenbewährter Mutant aus dem Marvel-Universum reduziert zu werden, beweist hierbei – wie zuvor auch schon in der Musicalverfilmung "Les Miserables" – seine ausgesprochene Wandelbarkeit.

Die eigentliche Handlung kreist dabei um das mysteriöse Verschwinden der jungen Mädchen Anna und Joy: Keller und Grace (Hugh Jackman und Maria Bello) feiern gemeinsam mit Franklin und Nancy (Terrence Howard und Viola Davis) Thanksgiving. Ihre Kinder spielen währenddessen vor der Haustür. Plötzlich sind sie wie vom Erdboden verschluckt. Spuren finden sich keine. Der ambitionierte Detective Loki (Jack Gyllenhaal) übernimmt den Fall. Und schon bald wird ein Verdächtiger präsentiert: Ein Mann, der mit seinem Wohnmobil zu der fraglichen Zeit vor dem Haus parkte. Der Tatverdächtige besitzt allerdings das kindliche Gemüt eines Zehnjährigen. Und wirklich nachgewiesen werden kann ihm auch nichts. So wird er wieder auf freien Fuß gesetzt. Keller will das nicht wahrhaben. In seinen Augen ist dieser Mann der einzige, der ihn zu seiner Tochter führen kann. Und wenn die Polizei nicht die Wahrheit zutage fördern will, wird er das in die eigenen Hände nehmen.

Die beklemmende Situation und die Tristesse nehmen den Zuschauer bereits zu Beginn gefangen. Es liegt Unheil in der Luft. Bald darauf lösen sich auch schon Zorn, Trauer und Ohnmacht von der Leinwand und manifestieren sich beim Publikum. Damit gelingt dem Regisseur Denis Villeneuve, der erstaunliche Kniff, aus distanzierten Beobachtern, in der Sicherheit des Kinosessels, Co-Akteure einer sich immer weiter dramatisch zuspitzenden Handlung zu machen. Doch Sympathien zu vergeben fällt nicht leicht: Die Opfer werden zu Tätern, deren Handlungen, bei allem Verständnis für das durchlebte Leid und die erfahrene Agonie, nicht einfach gutgeheißen werden können. In welchem Maß aber Kritik am "braven Amerikaner" geübt wird, bleibt der individuellen Interpretation vorbehalten.

Jackmans Filmcharakter wird, was das betrifft, zwar nicht übertrieben stereotyp gezeichnet, dennoch werden ihm eindeutig die Attribute gläubiger Christ, Jäger und "Mann der Tat" zugewiesen. Und ganz eindeutig mischen sich Verzweiflung wie Verblendung bei ihm soweit, dass er gewillt ist, auch gegen viele Zweifel, sein Ziel bis zum bitteren Ende weiterzuverfolgen. Komplexer und vor allem zwiespältiger will im Vergleich Loki, der von Gyllenhaal verkörperte Polizeibeamte, erscheinen. Passenderweise trägt er auch gleich den Namen des inzwischen wohlbekannten doppelbödigen nordischen Gottes. Als Cop einerseits auf der Seite der Eltern, deren Kind geraubt wurde, anderseits aber unruhig, forschend, misstrauisch, avanciert er auch zu einer Art Antagonist.

Wäre "Prisoners" als Western inszeniert, würde Jackman vermutlich einen Rancher spielen, dem bitteres Unrecht zuteil wurde und der nun verbittert stets schnell mit dem Strick der Lynchjustiz zu Hand ist. Gyllenhaal würde dann die Rolle des Sheriffs zukommen, der nicht genau weiß, ob er gerade hin- oder wegsehen soll. So pendelt er (auch an anderer Stelle im Film) zwischen Recht und Gerechtigkeit und bekommt, hin- und hergerissen, etwas Unvollständiges beinahe schon Nebulöses. Der machtvollen Sogwirkung des Geschehens kommen diese Aspekte nur zugute. Tragen sie doch zu einem permanenten Unsicherheitsgefühl bei, das "Prisoners" über knapp zweieinhalb Stunden zu einem überaus fesselnden Thriller macht.

Fazit: Hollywood-Kino muss nicht faden Einheitsbrei bescheren. "Prisoners" erfindet das Genre zwar nicht neu, macht aber aus altbewährten Zutaten, dank hervorragender Darsteller und einer sattelfesten Inszenierung, einen ebenso kraftvollen wie hypnotisch-suggestiven Thriller, der lange im Gedächtnis haften bleibt.





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