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Kritik: Nowhere Boy (2009)


„And is this for the new group? The …? What’s it called again?“, fragt Tante Mimi am Ende des Films „Nowhere Boy“, als ihr Neffe John ihr offenbart, dass er nach Hamburg gehen wird. Die Antwort indes, wird er ihr schuldig bleiben. Denn der Name „The Beatles“ fällt nicht einziges Mal in dem Film über die Kindheit und Jugend von John Lennon – aber doch schwebt er über allem.

Im Grunde genommen erzählt die Fotografin Sam Taylor-Wood in ihrem Regiedebüt eine konventionelle Coming-of-Age-Geschichte: Der 15-jährige John (Aaron Johnson) lebt im Liverpool der 1950er Jahre bei seiner Tante Mimi (Kristin Scott Thomas), weil seine Mutter Julia (Anne-Marie Duff) ihn einst im Stich gelassen hat. Erst bei der Beerdigung seines Onkels sieht er sie wieder und sucht den Kontakt zur ihr. Im Gegensatz zur strengen Mimi scheint sie ungemein lebenslustig. Sie bringt ihm das Banjo spielen bei und toleriert seine Rebellion. Vermutlich ist sie manisch-depressiv, im Leben von John ist sie aber der Gegenpol zu Mimi. Es entwickelt sich eine tragische Dreieckskonstellation, die durch alte Geschichten und die Gegensätzlichkeit dieser Frauen belastet scheint. John fühlt sich zwischen allen Stühlen, hin- und hergerissen zwischen der Verlässlichkeit seiner Tante und Leidenschaft seiner Mutter. Erst als er erkennt, dass er beide Frauen braucht, findet er einen Weg aus diesem Dilemma.

Nahezu gleichzeitig entdeckt John seine Begeisterung für die Musik. Und hier hakt der Film leicht: Denn es lässt sich nur schwer ausblenden, dass dort der als Genie verehrte John Lennon Gedichte schreibt, zur Gitarre greift oder auf Paul McCartney trifft. Schließlich erlebt der Zuschauer gerade die Geburtsstunde eine der größten Bands der Welt. Hieraus hätte Sam Taylor-Wood mehr machen können, aber sie konzentriert sich stattdessen auf die Familiengeschichte.

Der Film basiert auf dem Buch „Imagine This: Growing Up With My Brother John Lennon“ von dessen Halbschwester Julia Baird, daher ist die Schwerpunktsetzung keine große Überraschung. Allerdings gerät insbesondere der Anfang des Films etwas langatmig. Allzu betulich erzählt Sam Taylor-Wood von dem Liverpool der Nachkriegsjahre und dem Leben bei Johns Tante, die von Kristin Scott Thomas brillant gespielt wird. Ihr ist es zu verdanken, dass Tante Mimi eine komplexe Figur wird, die der Zuschauer zudem mögen muss. Auch Anne-Marie Duff als Johns Mutter lässt die klischeehafte Anlage ihrer Figur weitgehend vergessen und avanciert mit Kristin Scott Thomas zum emotionalen Zentrum des Films. Ohnehin hat Sam Taylor-Wood es größtenteils ihrem Darstellerensemble zu verdanken, dass der Film mit zunehmender Länge an Fahrt aufnimmt. Thomas Brodie Sangster hat zwar keine Ähnlichkeit mit Paul McCartney, spielt aber ungemein überzeugend. Aaron Johnson meistert die Last, eine derart öffentliche Person zu spielen – und lässt wenigstens noch einen kleinen interpretativen Freiraum. Dadurch gewinnt der Film zudem an Wärme und Charme. Vergleicht man allerdings „Nowhere Boy“ mit einem anderen Regiedebüt eines Fotografen – Anton Corbijns Joy-Division Film „Control“ bei dem ebenfalls Matt Greenhalgh das Drehbuch geschrieben hat –, so fällt doch auf, dass Sam Taylor-Woods Film erstaunlich konventionell ist. Nichtsdestoweniger erzählt „Nowhere Boy“ eine interessante Geschichte über John Lennon, die wohl den meisten Zuschauern nicht bekannt sein dürfte. Daher gibt es in dem nostalgisch-charmanten Film viel über den späten John Lennon (wieder) zu erkennen, aber auch viel Neues zu erfahren. Das allein garantiert schon einen unterhaltsamen Abend. Und zu guter Letzt erfährt nach diesem Film die Liedziele „Mother you had me / But I never had you“ aus Lennons „Mother“ eine neue Bedeutung. Fazit: Ein unterhaltsamer Film über die Jugendjahre von John Lennon, der einen konventionelle Coming-of-Age-Geschichte erzählt und mit guten Schauspielern glänzt.




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