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Vincent will Meer
Vincent will Meer
© 2010 Constantin Film Verleih GmbH

Kritik: Vincent will Meer (2009)


Das Tourette-Syndrom ist ein seltenes neurologisches Phänomen. Ein Niesen im Hirn, das den Betroffenen dazu veranlasst unkontrolliert Laute – in aller Regel Flüche – von sich zu geben. Zudem macht es sich durch seltsame körperliche Zuckungen und Zwangstörungen bemerkbar, die mitunter dazu führen, dass sich der Kranke sogar selbst verletzt. All diese nichtkontrollierbaren Affekte fasst die Medizin unter Tics zusammen.

Vincent (Florian David Fitz), ein junger Mann um die 20 Jahre, leidet sehr an dieser Krankheit. Das Tourette-Syndrom tritt bei ihm mit all seinen negativen Facetten ungebremst zu Tage. Selbst bei der Beisetzung seiner Mutter, die zeitlebens zu ihm hielt und bei der er wohnte, verliert er die Kontrolle über sich. Es bricht aus ihm aus, und er flucht in der Kirche unflätig laut los. Ein schlimmer Eklat für alle Anwesenden. Besonders seinem Vater (Heino Ferch), einem hochrangigen Politiker, der die Familie schon vor Jahren verlies, ist das Verhalten seines Sohnes peinlich. Am liebsten verleugnet er ihn ganz, wenn es sich einrichten lässt. Jetzt, nach dem Tod der Mutter, beschließt er Vincent in eine Spezialklinik zwangseinzuweisen.

Dort trifft Vincent auf die überengagierte Leiterin Dr. Rose (Katharina Müller-Elmau), die insgeheim von Versagensängsten geplagt wird. Sie versucht ihm Hoffnung zu machen, die Symptome seines Tourettes mildern zu können. Überdies freundet er sich mit Marie (Caroline Herfurth) an. Einer Patientin, die an Magersucht leidet. Sein Zimmergenosse erweist sich aber als besonders harter Brocken: Alexander (Johannes Allmayer) leidet an allerlei Zwangsneurosen und ein ausgesprochener Menschenfreund ist er obendrein ebenfalls nicht. Marie und Vincent kommen sich langsam näher, beide träumen von einem Leben außerhalb der Klinik. Vincent würde beispielsweise gerne nach Italien ans Meer fahren. Eines Nachts stibitzen sie gemeinsam den Wagen der Klinikleiterin und machen sich davon. Gegen seinen Willen muss auch Alexander mit, der sie andernfalls verraten würde.

Beinahe an ein klassisches Roadmovie erinnernd, nimmt die etwas holprige Inszenierung nun Fahrt auf. Bisher lebte der Film nahezu ausschließlich von den ihn bevölkernden Freaks, die für schräge Einlagen verantwortlich waren, aber die Geschichte nicht vorantrieben. Und wie immer ist eine solche Reise mehr als nur symbolisch auch ein Trip zu sich selbst. Ebensolches gilt auch für die Verfolger dieses Trios: Die Psychiaterin voller Schuldkomplexe und Vincents Vater, das großkotzige Alphamännchen par excellenze, tun sich zusammen, um die Flüchtigen einzufangen. Damit verlagert sich die Freakshow gleich auf zwei Autos. Eines der augenfälligsten Elemente des Films ist somit, dass hier irgendwie keiner wirklich normal zu sein scheint.

Dass ein gewisser Schematismus nicht ausbleiben kann, wenn im flockigen Dramödienstil das Schicksal schräger Charaktere beleuchtet wird, verwundert nicht. Viel wichtiger ist, eine gewisse Entwicklung sowohl im Fortgang der Handlung als auch im Innenleben der Charaktere in Gang zu setzen. Dazu bedarf es bei der Inszenierung, aber auch einer Vision oder zumindest der groben Vorstellung davon, wohin es gehen könnte. Kurioserweise scheinen am Ende die Filmfiguren das zumindest im Ansatz besser zu wissen, als die Macher des Films.

Fazit: Im Ganzen schien keiner so recht zu wissen, was man eigentlich für einen Film machen wollte. Die groteske Komik, die enthalten ist, verleiht ihm Komödienzüge; genauso steckt aber auch eine Romanze in ihm, ist ein Vater-Sohn-Konflikt enthalten und letztendlich ist es auch eine sehr tragische Geschichte. Die Mischung geht indes nicht gut auf – obschon sich die drei Protagonisten mühen, bleibt ein tieferer emotionaler Zugang schon wegen des fehlenden Innenlebens der Figuren aus.





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