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Ein Prophet
Ein Prophet
© 2010 Sony Pictures Releasing GmbH

Kritik: Ein Prophet (2009)


Das Gefängnis als Lehranstalt: Der 19jährige Malik El Djebenas (Tahar Rahim) hat keine Familie, keine Freunde - aber auch nichts zu verlieren. Im Knast lernt er nicht nur schreiben, sondern auch alles wichtige über Freundschaft, Loyalität, sowie Grundsätze geschäftlicher Kalkulation. So wird Malik erst im Gefängnis zum Mann, vielleicht sogar erst zum Menschen – was davor war oder danach kommt, wird nicht erzählt.
Jacques Audiards hat mit seinem schonungslosen, komplexen Psychodrama, das den Großen Preis der Jury in Cannes und eine Oscar-Nominierung für den besten fremdsprachigen Film erhielt, einen neuen Genreklassiker geschaffen, der auch stilistisch überzeugt. Mit Handkamera und harten, scharfen Schnitten rückt er seinem Protagonisten zu Leibe und setzt dabei auf einen grimmigen Realismus.
Anders als viele andere Knastfilme prügelt er auch keine vordergründige Message über die Zustände hinter Gittern durch. Malik ist ganz sicher kein Durchschnittshäftling. Um sich für seinen Charakter zu erwärmen, muss man einiges an moralischer Ambivalenz mitbringen. Zu Beginn sichert er seine Existenz, indem er einen anderen Häftling und potentiellen Kronzeugen tötet, für den korsischen Gangsterboss César Luciani, in Gestalt des großartigen Niels Arestrup. Der blutige, in verstörenden Details erzählte Mord bringt Malik tatsächlich in zweierlei Hinsicht weiter: Nicht nur landet er im Kreis der Korsen – der Gang, die das Sagen und selbst die Wächter in der Hand hat – auch erscheint ihm sein Opfer stets als Berater oder gar Orakel, wenn er mal wieder an seiner Richtung zweifelt. Maliks mystische Visionen von ihm heben den epischen Aspekt seiner Entwicklungsgeschichte hervor.
Mit seiner Zeit bei den Korsen, für die er zunächst nur niedrige Arbeiten erledigt und als Spottobjekt herhält, beginnt Maliks Lehrzeit. Unauffällig saugt er alles auf, was seine Umgebung an Wissenswertem abwirft – ein bisschen korsich, die Organisation von Drogenverkäufen und die Behauptung territorialer Ansprüche gegen die rivalisierende Gang der Araber. Als César für ihn regelmäßigen Freigang organisiert, lernt Malik außerdem, sich draußen zu behaupten. So durchläuft der Loser ohne Zukunft eine umfassende kriminelle Ausbildung.
Seine Geschichte hätte man allerdings auch ein wenig schneller erzählen können; mit zweieinhalb Stunden ist der Film einfach zu lang. Nicht, dass er nicht spannend wäre – aber einige Sequenzen hat Audiard mit zu vielen beiläufigen Details überfrachtet. Insgesamt ist "Ein Prophet" jedoch ein sehr eigenes, unbedingt zu empfehlendes Coming of Age-Drama, mit fantastischen Schauspielern, schlauen Dialogen und optisch anspruchsvollem Erzählstil.





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