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Kritik: Ajami (2009)


Bei der diesjährigen Oscar-Verleihung ging nicht nur der außergewöhnliche deutsche Beitrag leer aus. Kultregisseurs Hanekes Schwarz-Weiß-Film "Das weiße Band", der die feudal-repressiven Strukturen analysiert, den Heranwachsende in der Zeit vor dem I. Weltkrieg ausgesetzt waren und der wegen seines unkonventionellen visuellen Stils für Aufsehen sorgte, konnte die begehrte Trophäe trotz Nominierung nicht einheimsen. Gleiches gilt auch für "Ajami", einer deutsch-israelischen Koproduktion, deren Geschichte im gleichnamigen Stadtteil Tel-Aviv´s, der zweitgrößten Stadt Israels, angesiedelt ist.

Tel-Aviv ist mit ungefähr 400.000 Einwohnern aber nicht nur die zweitgrößte Stadt des Landes, sondern auch ein gewaltiger Ballungsraum, der, obwohl er einen Großteil der israelischen Wirtschaft beherbergt, auch ausgedehnte Armenviertel sein eigen nennt. In solch einem unterprivilegierten Bezirk lebt Omar (Shahir Kabaha), der gleich zu Beginn jede Menge Probleme hat: Als Moslem ist er in eine Christin verliebt; eine Beziehung, die eigentlich kein gutes Ende nehmen kann. Schlimmer noch als das: Er muss eine Menge Geld auftreiben, um einen befeindeten Familienclan auszubezahlen. Dieser fordert Blutgeld, für ein Familienmitglied, das angeblich von Angehörigen Omars schwer verletzt wurde. Kratzt Omar das Geld nicht rechtzeitig zusammen, nehmen sie Rache.

Weitere Hauptfiguren in diesem Episoden- und Ensemblefilm sind, Malek (Ibrahim Frege), ein guter Freund Omars, der ohne Arbeitserlaubnis im Restaurant arbeitet, das dem Vater von Omars Freundin gehört. Mit diesem Job versucht er genug Geld für die Operation seiner Mutter zusammen zu bekommen, die schwer krank ist und sonst kaum eine Überlebenschance hätte; und dann ist da noch der jüdische Polizist Dandos (Eran Naim), der verzweifelt auf der Suche nach seinem Bruder ist. Dieser war Soldat und es wird befürchtet, dass er von palästinensischen Terroristen verschleppt und ermordet wurde.

Wie bei einem Episodenfilm nicht anders zu erwarten, verlagert sich die Handlung mal dorthin und dann wieder woanders hin; sie springt von Person zu Person und von Örtlichkeit zu Örtlichkeit. Manchmal kreuzen sich die Schicksale, dann wieder laufen die Erzählstränge auseinander oder es wird einfach eine ganz neue Storyline eingeführt; mitunter auch dieselbe Episode aus einer anderen Perspektive aufs Neue erzählt. Solche Filme machen es nicht wirklich leicht, den Überblick zu behalten und das Puzzle sinnig zusammenzufügen. Bei "Ajami" kommt hinzu, dass die Episoden zum Teil auf verschiedenen Zeitebenen laufen, mal springt man vorwärts, dann wieder zurück und zu Beginn werden die Figuren nicht einmal sauber eingeführt.

Trotz dieser mitunter sehr verwirrenden Punkte, ist "Ajami" aber ein äußerst intensiver Film, der besonders wegen seiner ausgesprochenen Ehrlichkeit tief aufzuwühlen vermag. Ungeschminkt offenbart er Facetten des Lebens in Israel, die den meisten nicht geläufig sein dürften. Das beginnt mit kleineren kulturellen Besonderheiten, geht über Vendetta-Traditionen bis zur Einsicht, dass das Leben dort weitaus komplizierter ist, als die vordergründige Religionszugehörigkeit, die in den Medien immer in den Fokus der Berichterstattung gerückt wird, mutmaßen lassen könnte: Es gibt muslimische Israelis und christliche Araber – die ethnischen Verflechtungen gehen viel tiefer als das vermittelte Bild, das unser Verständnis von dieser Region prägt.

Fazit: "Ajami" entführt auf eine Reise, die authentisch das Leben und auch das Sterben in Jaffa einfängt. Diese exemplarische Sicht beherbergt aber keine ausgesprochene Milieustudie. Vielmehr ist es Alltag, was diese einzelnen Geschichten über das Schlüssellochprinzip hinaus erhebt und ihnen erlaubt, tiefe Einblicke auf die innere Befindlichkeit einer Lebewelt zu werfen, die mit Fug und Recht zu den politischen Hot-Spots dieses Planeten zählt.





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