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Kritik: In Ihren Augen (2009)


Nach über 25 Jahren kehrt der Justizbeamten Benjamín Espósito nach Buenos Aires zurück. Er will über einen lange zurückliegenden Mordfall einen Roman schreiben und gleichsam seine Erinnerungen an die damaligen Ereignisse bewältigen.

Nur widerwillig hat er 1974 die Ermittlungen in dem Fall übernommen, bei dem eine junge schöne Frau vergewaltigt und zu Tode geprügelt wird. Doch das Bild von dem Opfer lässt Espósito nicht mehr los. Zu dem Ehemann der Toten, Ricardo Morales, entwickelt er eine tiefe Beziehung, er möchte ihm beistehen. Mit der Hilfe seines Kollegen Sandoval und seiner Vorgesetzten Irene kann Espósito schließlich den wahren Täter entlarven und hinter Gittern bringen. Aber nach einem Jahr kommt der Mörder wieder frei: Er ist im Gefängnis zum Kollaborateur mit dem Militärregime geworden und dient dem Staat im Gegenzug für seine Freiheit als Killer. Espósito und Irene stehen diesen Entwicklungen machtlos gegenüber, sie haben keine Handhabe gegen den Staat.

Obwohl die Vergewaltigung und Ermordung der jungen Frau ein unpolitisches Verbrechen ist, schwelt die argentinische Militärdiktatur im Hintergrund. Ihre Willkürlichkeit wirkt sich auf das Leben der Protagonisten aus, sie verändert sie innerlich. Fortan müssen alle mit der Gewissheit leben, dass der Mörder auf freiem Fuß ist. Damit verweist Regisseur Juan José Campanella auch auf die vielen unverheilten Wunden, die die Militärdiktatur jenseits der direkten Verbrechen zu verantworten hat.

„In ihren Augen“ ist ein stilles Melodram, es erzählt die Geschichte zweier großer Lieben. Denn ebenso wie Ricardo seine tote Frau nicht vergessen kann, hängt Espósito an der Liebe zu Irene. Niemals hat er sie ihr gestanden, ein gemeinsames Leben schien ihm unmöglich. Doch es ist diese Erinnerung, die ihm ein verlorenes Leben beschert hat. Das Geschehen entfaltet sich sehr langsam, aber als Drehbuchautor und an Fernsehserien erprobter Regisseur weiß Campanella genau, wie lange das Interesse der Zuschauer an einem Handlungsstrang aufrecht bleibt. Deshalb findet er ein ruhiges, aber niemals langweiliges Tempo. Dabei nutzt Campanella ein unpolitisches Verbrechen, um auf die Auswirkungen der Militärdiktatur aufmerksam zu machen. Die Willkürlichkeit des Regimes macht vor keinem Halt, sie frisst sich in die Menschen ein – und hinterlässt unheilbare Wunden.

„In ihren Augen“ ist aber auch ein Film über das Sehen, über die Blicke. Es sind die toten Augen des Opfers, die Espósito keine Ruhe lassen. Aber auch der leere Blick von Ricardo, dem Ehemann der Getöteten. Es sind die Blicke, die die Geschichte der unerfüllten Liebe von Espósito und der Ermittlungsrichterin Irene erzählen – und es ist der Blick, der Lilianas Mörder verrät. Kunstvoll arrangiert Campanella diese Momente des Sehens in wohlproportionierten Räumen, ohnehin konzentriert sich das Geschehen sehr auf Innenräume. Nur einmal durchbricht er diesen Stil, wenn Espósito und sein Kollege in einer großartigen Verfolgungsjagd den vermeintlichen Mörder im Fußballstadion stellen. In dieser ungeschnittenen Sequenz verlässt Campanella die Intimität der vorhergehenden Einstellungen, der Zuschauer fliegt mit dem Helikopter über das Stadion, die Handkamera ist kein modischer Schnickschnack, sondern erzählerisch notwendig. Kunstvoll inszeniert Campanella mit seinen Bildern die verschiedenen Zeitebenen der Handlung – und zieht den Zuschauer unweigerlich in seinen Bann.

Fazit: Das mit dem Oscar für den besten fremdsprachigen Film gekürte Melodrama ist großes Gefühlskino – und ein Film über das Vergessen.





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