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Alois Nebel
Alois Nebel
© Neue Visionen © Pallas

Kritik: Alois Nebel (2011)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Der Animationsfilm "Alois Nebel" wurde im Rotoskopie-Verfahren erstellt. Bei diesem wird zunächst die gesamte Handlung als Realfilm mit echten Schauspielern gedreht. Anschließend wird der so entstandenen Film auf eine Glasscheibe projiziert und dort Einstellung für Einstellung abgezeichnet. Die so entstehende Animation zeichnet sich durch einen gesteigerten Realismus aus, der zu äußerst lebensechten, flüssigen Bewegungen aller Figuren führt. Darüber hinaus wurde "Alois Nebel" so stark verfremdet, dass der Film tatsächlich wie eine bewegte Graphic Novel wirkt. So gelang eine adäquate filmische Umsetzung der gleichnamigen tschechischen Graphic Novel-Trilogie, die in ihrem Entstehungsland Kultstatus besitzt. Das Ergebnis ist visuell derart herausragend, dass "Alois Nebel" im Jahre 2012 hochverdient den Europäischen Filmpreis in der Kategorie "Bester Animationsfilm" gewann.

Die sehr dichte Atmosphäre des Films wird zusätzlich durch die ebenso sparsam, wie akzentuiert eingesetzte Musik von Petr Kruzík unterstützt. Überhaupt funktioniert der Film in erster Linie nicht über seine Handlungsebene, sondern über die Vermittlung von Stimmungen. Diese drücken sich bevorzugt sehr konkret über die wechselnden Lichtverhältnisse und Wetterlagen aus. Gerade hier zeigt der Regisseur Tomás Lunák seine ganze Kunstfertigkeit. Die ebenso atmosphärische, wie poetische Darstellung von im Wind wogenden Bäumen, Schneeflockengestöber, heraufziehendem Nebel und plötzlich hereinbrechenden gleißendem Sonnenschein haben einen dunklen romantischen Zauber, in dem sich der Deutsche Expressionismus mit der fatalistischen Welt Kafkas verbindet. So offenbart bereits die optische Ebene das eigentliche Thema des Films. "Alois Nebel" zeigt einen scheinbar aus der Zeit gefallenen tschechischen Landstrich, der mit seiner teils deutschen, teils slawischen Identität ringt. Blickt man zurück, so zeigt sich eine äußerst düstere Vergangenheit, schaut man nach vorne, so sieht man eine sehr ungewisse Zukunft und in der Gegenwart scheint die Zeit fast stillzustehen. Doch zugleich versprüht "Alois Nebel" den leisen Optimismus der Möglichkeit eines positiven Wandels.

Fazit: Die verfilmte Graphic Novel "Alois Nebel" ist das genaue Gegenteil dessen, woran man zur Zeit bei dem Begriff "Animationsfilm" wahrscheinlich als erstes denken muss. Hier gibt es kein knallbuntes und hysterisch gut gelauntes Getier oder Gemüse. Stattdessen verbreitet dieser leise und langsame Schwarzweißfilm eine romantisch-melancholische Stimmung. Doch gerade dadurch wird diese deutsch-tschechische Produktion zu einem wunderschönen Film.





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