VG-Wort
Die Domain Spielfilm.de verwendet Cookies für funktionale und analytische Zwecke. Durch die Nutzung unserer Seite erklärst Du Dich damit einverstanden. Weitere Cookie-Informationen findest Du hier.

Ok, einverstanden!

oder
Verblendung - Teaserplakat
Verblendung - Teaserplakat
© 2011 Sony Pictures Releasing GmbH

Kritik: Verblendung (2012)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Die "Millenium"-Trilogie von Stieg Larsson war ein weltweiter Beststeller und wurde von dem dänischen Regisseur Niels Arden Oplev mit einigem Erfolg bereits für die Leinwand adaptiert. Daher sorgte die Meldung, dass Hollywood nur zwei Jahre später eine eigene Verfilmung plant, für einiges Aufsehen. Aber immerhin konnte mit David Fincher ein Regisseur verpflichtet werden, der dank Filmen wie "Sieben" oder "Zodiac – Die Spur des Killers" bestens für die Verfilmung des Romans geeignet schien. Dennoch blieb die Skepsis, ob David Fincher ist besser macht – oder einfach nur teurer.

Fraglos ist David Fincher ein guter Thriller gelungen: Der Journalist Mikael Blomkvist (Daniel Craig) wurde wegen in seiner Zeitschrift "Millenium" erhobener Anschuldigungen gegen den Unternehmer Wennerström von einem Gericht zu einer empfindlichen Geldstrafe verurteilt, die seine Ersparnisse auffrisst. Nach der Niederlage will er sich eine Auszeit nehmen, aber dann tritt der schwedische Industrielle Henrik Vanger (Christopher Plummer) über seinen Anwalt an ihn heran. Mikael soll herausfinden, wer seine Großnichte Harriet ermordet hat, die im Alter von 16 Jahren im Sommer 1966 spurlos verschwand. Henrik Vanger ist überzeugt, dass sich der Täter in seiner Familie befindet – schließlich bekommt er jedes Jahr an seinem Geburtstag eine getrocknete Blume geschickt, die ihn an Harriets Verschwinden erinnert. Und dieses Geschenk – davon ist Henrik Vanger überzeugt – könne nur vom Mörder stammen. Unter dem Deckmantel, die Familienchronik der Vangers zu schreiben, nimmt Mikael Blomkvist das Angebot an. Schon bald fördert er allerhand Familiengeheimnisse zu Tage und kommt tatsächlich den damaligen Ereignissen auf die Spur.

Im Gegensatz zu dem Roman und auch der schwedischen Verfilmung ist Finchers Mikael Blomkvist ein weitaus einsamerer Held. Seine Verbundenheit zu seiner Kollegin und Dauer-Geliebten Erika wird weitgehend auf den Sex reduziert, auch im Bild erscheint er – dieser Vergleich drängt sich auf – eher wie ein in die Jahre gekommener Bond denn ein Journalist. Die wahre Fallhöhe des Films zeigt sich aber an der zweiten Hauptfigur, Lisbeth Salander. Sie wird von Fincher – wie in der Vorlage – parallel eingeführt und von Rooney Mara weitaus zerbrechlicher gespielt als von der sensationellen Noomi Rapace in der ersten Verfilmung. Losgelöst von Rapaces Interpretation ist Rooney Maras Leistung aber bemerkenswert. Sie tritt bestimmt auf, rächt die Vergewaltigung ebenso brutal und lässt unter der androgynen Oberfläche die Verletzlichkeit von Lisbeth Salander aufblitzen. Daher überzeugt sie in der ersten Stunde durchaus. Dann trifft sie auf Mikael Blomkvist und verändert sich. Finchers Blomkvist ist fordernder, bestimmter in dieser Beziehung als Larssons Romanfigur. Ihm fehlt die gelassene Souveränität, er ist eher ein Verführer – wenngleich auch in diesem Film die Initiative zum Sex von Lisbeth Salander ausgeht. Danach fügt sie sich aber in die konservative Rolle der Frau, sie erkennt an, dass Blomkvist hier das Sagen hat. Diese Unterordnung kulminiert darin, dass sie ihn um Erlaubnis fragt, als sie den Schurken des Films ermorden will. Allerdings muss eindeutig zugunsten David Finchers festgehalten werden, dass sich Steven Zaillians Drehbuch an dieser Stelle weitaus enger an die Romanvorlage hält als die Drehbuchautoren Nikolay Arcel und Rasmus Heisterberg in der ersten Verfilmung. Denn erst sie haben aus Lisbeth Salander diese starke, unabhängige Frau gemacht, als die Noomi Rapace in das kollektive Gedächtnis eingegangen ist. Auch in Stieg Larssons Roman verliebt sich Lisbeth Salander in Blomkvist, hofft auf eine gemeinsame Zukunft und rauscht letztlich enttäuscht ab. In Finchers Film wird diese Entscheidung durch den Kauf der Lederjacke noch akzentuiert. Doch in beiden Versionen wird sie durch die Beziehung schwächer, während sie in Niels Orplev Adaptions unabhängiger bleibt.

Deshalb ist David Finchers "Verblendung" auch kein Remake des schwedischen Films, sondern eine Neuverfilmung des Buches. Es gibt nicht nur eine Möglichkeit, einen Stoff zu adaptieren. Daher hat Fincher einen atmosphärisch dichten, unterkühlten Thriller gedreht, in dem er seinem Stil und auch dem Roman treu geblieben ist. Die tristen, blau-grauen Bilder passen hervorragend zu der schwedischen Landschaft. Die konzentrierte Erzählweise fügt sich zu den Bildern und wenn die Kamera über die Ermittlungsunterlagen gleitet oder der hervorragende Soundtrack von Trent Reznor erklingt, werden die Qualitäten dieses Films offensichtlich.

Es ist nicht einfach, bei diesem Film zu einem eindeutigen Urteil zu kommen. Denn Fincher hat einen guten Thriller gedreht, der sich gerade inmitten der typischen amerikanischen Produktionen wohltuend ausnimmt. Bilder, Soundtrack und Schauspieler sind überzeugend, aber dennoch bleibt am Ende des Films das Gefühl, das mit diesem Budget und diesen Möglichkeit mehr möglich gewesen wäre.

Fazit: David Finchers "Verblendung" ist ein guter Thriller, mit dem der Regisseur seinem Stil treu bleibt und eine werkgetreue Adaption von Stieg Larssons Buch vorlegt.





Spielfilm.de-Mitglied werden oder einloggen.