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Kritik: Männer al dente (2010)


Tommaso will seinem Vater endlich die Wahrheit sagen! Er will gestehen, dass er kein Interesse an der familieneigenen Pasta-Fabrik und in Rom niemals BWL studiert hat. Stattdessen hat er einen Abschluss in Literatur, will Autor werden – und ist schwul. Mit diesem Bekenntnis wird er seinen Vater schockieren, der ihn darüber hinaus vermutlich sofort aus der Familie verbannen wird. Vorab weiht Tommaso seinen älteren Bruder Antonio ein, der als Vaters Nachfolger die Firma führt und stets seinen familiären Verpflichtungen nachgekommen ist. Ihm erzählt Tommaso von dem freien Leben, das er nach dem Geständnis führen wird – doch am entscheidenden Abend geschieht das Unfassbare: Ausgerechnet der pflichtbewusste Antonio kommt ihm zuvor, er offenbart seine eigene Homosexualität und die Liebe zu einem ehemaligen Arbeiter der Fabrik. Das ist zu viel für Vater Cantone, er wirft seinen Ältesten aus dem Haus und erleidet einen leichten Herzinfarkt. Nun kann Tommaso seinem Vater nicht mehr die Wahrheit über sich sagen, zwei schwule Söhne würde er vermutlich nicht überleben! Also fügt sich Tommaso in seine vorgegebene Rolle als Antonios Nachfolger ein und kümmert sich zusammen mit der hübschen Alba, der Tochter des Geschäftspartners seines Vaters, um die Leitung der Firma. Eine Zeitlang versucht er, seine Identität und die Erwartungen seiner Familie zu vereinbaren. Aber dauerhaft kann es natürlich nicht gut gehen.

Wie viel Wahrheit verträgt eine Familie? Das ist das Kernthema dieser leichten italienischen Komödie. In der Familie Cantone lügen alle ein wenig: der Familienvater hat eine Geliebte, seine Frau schaut darüber hinweg, seine Schwester tarnt ihre nächtlichen Eskapaden mit "Haltet den Dieb!"-Schreien, hinter dem dicken Hausmädchen verbirgt sich eine fantastische Sängerin. Einzig die Großmutter ist eine "mine vaganti" – so auch der Originaltitel des Film –, eine Mine, die jederzeit hochgehen und mit dem Aussprechen der Wahrheiten die ganze Ordnung ruinieren könnte. Sie hält die Dinge in Bewegung und sagt den einzigen Satz, der diesen Film überdauern könnte: dass nur unerfüllte Liebe immer vollkommen bleiben werde.

Insbesondere der Anfang des Film ist – fast schon seinem missglückten deutschem Titel zum Trotz – vielversprechend: Regisseur Ferzan Ozpetek zelebriert das italienische Leben, er fängt das freudige Durcheinander am Familientisch ein. Die schöne Alba rast mit ihrem Sportwagen durch die engen Gassen des kleinen Ortes, sie erscheint stark und unabhängig. Allein schon Tommasos Blick auf ihre Beine, die reizend schmallippigen Hausmädchen und natürlich die wunderbare Nonna lassen den Zuschauer auf eine wunderbare italienische Komödie hoffen. Aber im Mittelteil verliert sich der Film in den immer gleichen Gags, der ständigen Zurschaustellung der Mitglieder. Tommasos Entwicklung stagniert, Alba wird nach dem furiosen Beginn auf ihren Dackelblick reduziert, Tommasos schwule Freunde führen sogar ein Wasserballett auf. Hier verschenkt Ozpetek viel Potential, und erst am nicht uneingeschränkt glücklichen, dafür zutiefst realistischen Ende findet der Film wieder zu seinem guten Anfang zurück. Tommaso offenbart nur einen Teil der Wahrheit – mehr würde seine Familie derzeit nicht vertragen. Dennoch finden in einer wunderbar surrealistischen Schlussszene Vergangenheit und Gegenwart des italienischen Dorfes zueinander.

Fazit: "Männer al dente" ist besser als sein deutscher Titel vermuten lässt – ein Knüller ist der Film aber nicht.




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