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Another Year - Hauptplakat
Another Year - Hauptplakat
© 2010 PROKINO Filmverleih GmbH

Kritik: Another Year (2010)


In einer der ersten Szene des Filmes "Another Year" von Mike Leigh fragt die Psychologin Gerri (Ruth Sheen) ihre Patientin Janet (Imelda Staunton), was ihr helfen würde. Ihre Antwort ist ebenso einfach – wie tragisch: "Ein anderes Leben". Diese Patientin wird im weiteren Verlauf dieses wunderbaren Films nicht mehr auftreten, aber ihre Replik gibt den Grundtenor vor. Denn ein anderes Leben brauchen auch die Freunde von Gerri und ihrem Mann Tom (Jim Broadbent). Da gibt es Mary (Lesley Manville), eine Kollegin von Gerri, die seit ihrer Scheidung auf der Suche nach einem neuen Mann ist und ihre Verzweiflung hinter künstlicher Munterkeit versteckt. Sie trinkt zu viel, hat Probleme mit dem Älter werden und anscheinend ein Auge auf Gerris wesentlich jüngeren Sohn Joe (Oliver Maltmann) geworfen. Doch bei Tom und Gerri – die jeden Witz über ihren Namen mit gelassenem Humor nehmen – findet sie Zuflucht. Auch für Toms übergewichtigen Freund Ken (Peter Wight) ist das Haus dieses glücklichen Paares eine Anlaufstätte. Er hat Alkoholprobleme, hasst sein Leben und in Tom einen Zuhörer.

Inmitten dieses Treibens stehen also die seit Jahrzehnten verheirateten Tom und Gerri wie ein unverbrüchlicher Hafen. Ihr Glück, ihre Zufriedenheit kontrastiert das Leben all der unglücklichen Menschen in ihrem Umfeld. Sie haben sich in ihrem Leben eingerichtet, sind äußerst stabile Persönlichkeiten, die auf ihre labilen Freunde eine große Ausstrahlungskraft ausüben. Sie kümmern sich um ihre Freunde und Verwandten, sind aber auch fest entschlossen, ihre eigene heile Welt innerhalb ihrer Familie zu schützen. So erlauben sie ihren einsamen Freunden zwar, Zeuge dieses Glücks zu werden, aber sie werden niemals ein Teil davon. Dadurch werden sie zu einem Spiegel für all die Unglücklichen um sie herum: So wichtig dieser sicherer Hafen für sie ist, verdeutlicht er auch stetig, was ihnen im eigenen Leben fehlt. Besonders eindrucksvoll ist es im letzten Bild dieses berührenden Films zu sehen, wenn Mary am Tisch dieser munteren Familie sitzt – und dennoch ein Außenseiter bleibt.

Bei seinen Filmen arbeitet Mike Leigh ohne konkretes Drehbuch, sondern entwickelt seine Ideen gemeinsam mit den Schauspielern in unzähligen Improvisationen. Nicht zuletzt deshalb sind seine Filme meistens grandioses Schauspielerkino, das die Menschen in den Mittelpunkt stellt. Und "Another Year" ist hier keine Ausnahme. Der Film folgt dem Ablauf eines Jahres, das zufällig ausgewählt scheint, einfach nur ein anderes Jahr im Leben von Tom und Gerri. So sind es die alltäglichen Geschichten, die im Zentrum dieses Films stehen, aber es ist eben auch der Alltag, der die Beziehungen zwischen den Menschen ausmacht. Es kommt zu keiner Katastrophe, sondern letztendlich bringen kleine Bosheiten und fehlplatzierte Andeutungen die Freundschaften ins Wanken. Und inmitten dieser scheinbaren Beiläufigkeit wird man sich gewahr, dass ein Filmemacher das Thema Glück selten eindringlicher behandelt hat.

"Another Year" besticht mit einem hervorragenden Schauspielerensemble. Ruth Sheen und Jim Broadbent wirken herrlich durchschnittlich als glücklich verheiratetes Ehepaar, das sich schon längst seiner kleinen Schönheitsmakel nicht mehr schämen muss. Peter Wight spielt den übergewichtigen, stets schwitzenden Ken überzeugend und verleiht ihm zugleich den nötigen Hauch Verzweiflung. Überragend ist aber vor allem Leslie Manville in der Rolle der Mary. Sie geht den Zuschauern ebenso zu Herzen wie auf die Nerven. Ihr verzweifeltes Kokettieren, die ungeschickten Flirtversuche mit Joe, aber auch ihre selbstgerechten Bosheiten und aufdringlichen Unsicherheiten sind großartig. Dabei gelingt es allen Schauspielern scheinbar mühelos, den Eindruck des Vertrauten zu erwecken. Ein jeder kennt diese Typen, die dort im Film zu sehen sind. Da ist das etwas langweilige, aber sehr glückliche Ehepaar; die verzweifelte Szene-Frau, die ihr wahres Alter hinter billigen Klamotten und Alkohol verbirgt; der dicke Sauf-Kumpan, der zwar sein Leben hasst, aber es nicht wirklich ändert; und der nette junge Mann, der endlich eine ebenso nette Freundin findet. Sie schaffen identitätsstiftende Momente, durch die dem Zuschauer die Figuren ans Herz wachsen – und ihn auch nach Ende des Films nicht loslassen. Denn Mike Leigh gelingt etwas Außergewöhnliches: Er zeigt dem Zuschauer ein glückliches Paar, das nicht nervt, sondern den Zuschauer mit seiner menschlichen Wärme einnimmt. Und er zeigt menschliche Verzweiflung, die der Zuschauer eindringlich spürt. Genau das macht die Magie dieses Filmes aus: Er ist fast wie unser Leben, ohne deshalb abgefilmte Wirklichkeit zu sein.

Fazit: "Another Year" ist ein wunderbarer Film über das Glück, das Unglück und das ganz normale Leben. Mit wunderbaren Schauspielern schafft Mike Leigh einen der eher seltenen Momenten im Kino: Der Zuschauer verlässt glücklich den Saal – und wird den Zauber dieses Films noch lange spüren.





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