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Babycall
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© NFP marketing & distribution

Kritik: Babycall (2011)


Die Skandinavier wissen, welche Zutaten man braucht, um spannende, atmosphärische Thriller zuzubereiten. Eine vielschichtige Erzählstruktur, eine kühle Optik sowie ein allgegenwärtiges, stets präsentes Gefühl der Bedrohung ist herausragenden Thrillern wie "Freeze – Alptraum Nachtwache", "Todesschlaf", oder – zuletzt – der "Millennium-Trilogie" von Stieg Larsson gemein. Der norwegische Regisseur Pål Sletaune bedient sich in seinem neuen Film "Babycall" zu einem Großteil dieser effektiver Mittel, erweitert seinen Film aber noch um Elemente des psychologischen Dramas und der Milieu-Studie. Sletaune ist hierzulande vor allem durch seinen Psycho-Schocker "Next Door" (2005) bekannt geworden, im vergangenen Jahr produzierte er das Drama "The King of Devil's Island". Sein neuestes Werk ist ein stimmiger, beklemmender Film geworden, der nahtlos an die Tradition dieser großartigen skandinavischen Spannungsfilme anknüpft. Vor allem dank einer hochklassigen Noomi Rapace in der Hauptrolle. Für sie war "Babycall" ein kurzes Gastspiel in der skandinavischen Heimat zwischen den Hollywood-Blockbustern "Sherlock Holmes 2" und "Prometheus – Dunkle Zeichen".

Anna (Noomi Rapace) hat gerade eine schwierige Beziehung hinter sich und will mit ihrem achtjährigen Sohn Anders (Vetle Qvenild Werring) ein neues Leben beginnen. Sie zieht mit ihm in eine kleine Wohnung in einem anonymen Wohnblock, in dem niemand etwas mit seinen Nachbarn zu tun hat. Jedoch ändert der Umzug erst einmal nichts an der ständigen Angst, die Anna um ihren sensiblen, verschwiegenen Sohn hat. Um ihrem Beschützerinstinkt vollends Rechnung zu tragen, schafft sich Anna ein Babyphon an. Kurz darauf empfängt Anna Kinderschreie auf dem Gerät. Ein Hinweis auf einen Mord? Anna beginnt, Nachforschungen anzustellen und ist sich bald nicht mehr sicher: Sind die Dinge, die sie gehört hat, real oder fängt sie langsam an, den Verstand zu verlieren?

Regisseur Sletaune fängt die melancholische, bedrückende Stimmung, die den ganzen Film beherrscht, in farblosen Bildern ein. Eine entscheidende Rolle spielt hier der neue Wohnort von Anna und ihrem Sohn: ein in tristem grau gehaltener, trostloser Plattenbau, im dem die Beiden eine Wohnung beziehen. Die Wohnung, schlicht, steril und nur mit dem nötigsten ausgestattet, passt sich der kalten Atmosphäre des Films an. Diese fast schon typisch skandinavische Bildsprache zieht Sletaune konsequent von Anfang bis Ende durch. Sein Film startet zwar ein wenig schleppend, gewinnt aber mit zunehmender Dauer an Spannung und Dramatik. Der Film beginnt als eine Art psychologisches Milieu-Drama, das von einer einsamen, von panischen Ängsten getriebenen Frau erzählt. Die ersten Minuten sind noch gänzlich frei von jener knisternden Spannung, die den restlichen Film durchzieht.

Anna ist eine zutiefst verunsicherte, eingeschüchterte Mutter, die solche Angst um ihren Sohn hat, dass sie ihn nicht einmal in die Schule gehen lassen sondern in am liebsten zu Hause unterrichten möchte. Auf Druck des Jugendamtes muss sie ihn schließlich doch gehen lassen. In einer (bezeichnenden) Szene bleibt Anna einfach auf dem Schulhof stehen und will warten, bis der Unterricht vorbei ist. Schließlich wird sie vom Schuldirektor vertrieben, kann aber die Schule kaum aus den Augen lassen. Ihre Sorge geht so weit, dass sie sich wenig später sogar ein Babyfon kauft, damit Anders in seinem Zimmer schlafen, sie ihn aber trotzdem jederzeit hören kann. Zu spät merkt sie, dass sie sich mit diesem kleinen Gerät das Grauen in die eigenen vier Wände geholt hat. Schon bald beginnt Anna, Kinderschreie über das Gerät zu hören. Ab diesem Zeitpunkt wandelt sich der Film vom psychologischen Drama zum fesselnden Psycho-Thriller. Anna und die Zuschauer müssen sich fortan fragen, ob die Ereignisse real sind, oder sich nur im Kopf einer geistig verwirrten Mutter abspielen. Dabei deutet Sletaune zwar schon recht früh an, in welche Richtung die Auflösung gehen könnte, verrät dabei aber nie zuviel und sorgt so trotz vorher gelegter Fährten für ein ziemlich überraschendes Ende. Großes Lob gebührt Noomi Rapace, die ihre Rolle derart fragil und feinfühlig verkörpert, dass allein ihre Leistung das Eintrittsgeld rechtfertigt.

Fazit: "Babycall" ist ein fesselnder, beklemmender Psycho-Trip zwischen Wahrheit und Wahnsinn in kalten, atmosphärischen Bildern. Vor allem dank einer herausragenden Noomi Rapace absolut sehenswert.





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