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Wir wollten aufs Meer
Wir wollten aufs Meer
© Wild Bunch

Kritik: Wir wollten aufs Meer (2012)


Doppelte Böden gehören zu Thriller, Spionagefilm und Agentenstreifen wie Herzschmerz und Tragik zu Liebesfilmen . Über das Potenzial und die Tauglichkeit der letztjährigen Twists im Kino kann mitunter sehr hitzig diskutiert werden. Wenn aber inmitten der netzförmigen Handlung von Toke Constantin Hebbeln "Wir wollten aufs Meer" sich ein riesiger Abgrund unter dem Zuschauer auftut, dann läuft dem Publikum ein kalter Schauer über den Rücken.

In der ehemaligen DDR waren ein Fünftel der Bürger im Auftrag der Stasi unterwegs, um andere Mitbürger auszuspionieren. Diese schier unfassbare Zahl erhält nun in "Wir wollten ans Meer", dem Regiedebüt von Toke Constantin Hebbeln eine greifbare Form, die im Verlauf des Films für Schweißausbrüche beim Zuschauer sorgen wird.
Aber wie konnte es passieren, dass sich so viele Menschen in die Fänge der Staatssicherheit begaben, um anderen Menschen ihre Geheimnisse zu entlocken? Mit Sicherheit nicht, weil alle Bürger der DDR blinde Gefolgsleute des Sozialismus waren - vielmehr war die Arbeit Tausender für die Stasi ein Ergebnis von gezielter Einschüchterung und Repression. Wenn der grandios spielende August Diehl, der sich immer mehr zum deutschen Christopher Walken entwickelt, durch die Funktionäre der Staatssicherheit eingeschüchtert wird, dann kann der Zuschauer das Dilemma von in einem Unrechtsstaat lebenden Menschen verstehen.

Das besondere an dieser exzellenten deutschen Filmware: Der Fokus liegt gar nicht auf der Spionage-Geschichte, sondern auf dem Auseinanderbrechen einer Freundschaft und eines Traums nach Freiheit, Selbstbestimmung und Selbstverwirklichung. Den Mittelpunkt der Geschichte bildet die Beziehung zwischen Cornelius und Andreas, die eigentlich nur zur See fahren wollen, um in Rostock, am "Tor zu Welt" endlich in den Genuss der Freiheit zu gelangen. Ein verflochtenes Drama, welches dem Staatsapparat mit Hilfe menschlicher Tragödien seine Geheimnisse und Funktionsweisen entlockt und dabei so sehr ans Herz geht, weil die Emotionen der tragischen Helden lebhaft wirken.

"Wir wollten ans Meer" porträtiert zwei Freunde, die eigentlich vom gleichen Schlag sind, aber auf die Attacken des Staates anders regieren. Dabei ist das Script nicht nur gut recherchiert und historisch sehr genau, sondern auch so konsequent und stringent aufgebaut, wie kaum ein deutsches Drehbuch der letzten Jahre. Mit einer emotionalen Tiefe, wie man sie vom deutschen Film in einer solchen Form nicht kennt, kommen zu keiner Sekunde Kitsch oder klischeeträchtige Konventionen auf, wenn sich der Plot in einen Strudel aus Verrat, Paranoia und Misstrauen ergießt und Film Noir ähnlich in die Katastrophe steuert.

Das Grundmotiv, das aus zwei Freunden Feinde werden, ist vielleicht nicht neu aus dem Boden gestampft, aber durch die Undurchsichtigkeit der Figuren so realistisch, wie spannend dargestellt. Die metaphorische, wie symbolische Mauer zwischen den beiden Figuren inszeniert der Regisseur gerade am Ende überaus clever: Ist Andreas, als gelähmter Abhörspezialist mit einer undurchsichtigen Moral ein ebenso großes Opfer des Systems, wie es Cornelius ist, der mit aller Kraft für Freiheit kämpft? Dies darf der Zuschauer bei all den labyrinthartigen Handlungssträngen selbst entscheiden.
Das ausgezeichneten Setting und eine vom einstigen Gewinner des Studentenoscars gut eingefangene düsteren Atmosphäre, sowie präzise Charakterisierungen und gute Darsteller tun ihr übriges, den Film, der mit seiner Thematik wie eine Hommage an "Das Leben der anderen" wirkt, gelingen zu lassen.

Ein fabelhaftes Drehbuch, eine tolles Schauspielerensemble, ein brillantes Debüt!

Fazit: Der beste deutsche Film des bisherigen Jahres. Wer schon an deutschen Exportschlagern wie "Das Leben der anderen" oder "Napola" über die düstere Vergangenheit des Landes gefallen fand, wird das Regiedebüt des jungen und hochtalentierten Toke Constantin Hebbeln lieben. Unbedingt sehenswert!




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