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Elysium - Hauptplakat
Elysium - Hauptplakat
© Sony Pictures

Kritik: Elysium (2013)


Nach "District 9" hätte Neil Blomkamp im Prinzip alles drehen können. Obwohl er erst einen richtigen Kinofilm seinem Konto gutgeschrieben hatte, konnte er sich vor Anfragen kaum retten. Am liebsten wäre seinen Fans gewesen, er wäre eine direkte Fortsetzung von "District 9" angegangen. Das SciFi-Apartheitsdrama, dass aus Townships in Südafrika, Ghettos für auf der Erde gestrandete Außerirdische machte, die von gewissenlosen Rüstungskonzernen beherrscht werden, die einzig danach trachten, die genetisch kodierte Waffentechnologie der Außerirdischen gewinnbringend zu adaptieren, war intelligent, wies politischen Biss auf und zeigte sich äußerst gesellschaftskritisch.

Nachdem sich der gehypte Regisseur nun ein paar Jahre Zeit gelassen hat, wartet er mit einem neuerlichen SciFi-Epos auf. "Elysium" ist Mitte des 22. Jahrhunderts angesiedelt. Technologie und Wissenschaft sind weit vorangeschritten. In den Genuss der neuzeitlichen Segnungen gelangen allerdings nur die Privilegierten. Die Welt ist zweigeteilt. Im Grunde existiert nur noch Bitterarm und unvorstellbar Reich. Die breite Masse vegetiert auf der Erde, die augenscheinlich nur noch aus endlosen Elendsvierteln besteht. Die meisten haben keine Beschäftigung, diejenigen, die welche haben, arbeiten für Hungerlöhne, mit kaum mehr Rechte als Sklaven. Medizinische Versorgung, falls vorhanden, reduziert sich aufs Knochenrichten, Wunden nähen und dem Wechseln von Verbänden. Wer ernstliche krank wird, darf die Tage bis zu seinem Tod runterzählen.

Zugleich kreist im Orbit um die Erde ein künstlicher Garten Eden. Eine gigantische Raumstation, Elysium genannt, in der die Superreichen ein Leben in überbordendem Luxus führen. Eine Welt, in der selbst die schwersten Gebrechen binnen Minuten geheilt werden können. Das einzige Problem, dass diese Kunstwelt kennt, besteht darin, nicht zu viele hereinzulassen; schon gar nicht solche, die von Standeswegen nicht zum üblichen Klientel zählen. Und selbstverständlich gibt es für solche Aufgaben einen obersten Wächter, der rigide darauf achtet, dass sich keiner illegal Zugang zum Paradies verschafft.

"Elysium" entführt in die Dystopie, einer vollständig gespaltenen Gesellschaft, dominiert von Konzernen und dem Kapital, in einer Zukunft, die möglicherweise gar nicht so weit entfernt – und vielleicht nicht einmal wirklich (komplett) vermeidbar ist. Die Schere zwischen Arm und Reich klafft immer weiter auseinander. Zwei-Klassen-Medizin ist längst keine Fiktion mehr. Schon heute werden bei uns viele schwerkranke Patienten, die noch nicht auskuriert sind, vorzeitig entlassen, da sich eine Weiterbehandlung ökonomisch nicht mehr rentiert. In "Elysium" ist das alles auf die Spitze getrieben: Ein radioaktiv verstrahlter Fabrikarbeiter erhält dort als Abfindung eine Packung Tabletten, damit er die letzten Tage seines Lebens nahezu beschwerdefrei bestreiten kann.

Die Trennung zwischen Erde und Himmel, mit einer Erde, die zur wahren Hölle verkommen ist, aus der die Menschen zu fliehen versuchen, erinnert überaus stark an die Borderline zwischen USA und Mexiko; es könnte sich aber genauso gut um das Mittelmeer handeln, dass täglich aberhunderte Verzweifelte, in hoffnungslos überfüllten Kähnen, von Afrika her, zu durchqueren versuchen, um etwas vom den Krümeln der westlichen Wohlstandsgesellschaft zu erheischen. Wie sich das gleicht, erinnern die Eindrücke der Slums in "Elysium" an jene, die schon in "District 9" zu sehen waren; genauso austauschbar sind heutzutage die Bilder der Armen-Ghettos rund um den Globus, ob man nun seinen Blick nach Süd-Amerika, Afrika oder Asien wendet. Konsequent ist Bloomkamp auch in der Weiterführung des futuristischen Designs. Bereits in seinem Erstling bewies er einen Faible für "organische Technologie". In "Elysium" erwarten nun den Zuschauer Droiden und die kybernetische Verschmelzung von Mensch und Maschine.

Matt Damon gibt in diesem SciFi-Spektakel ganz famos den geknechteten Arbeiter-Untermenschen Max De Costa mit messianischem Schicksal, vermag an den generellen Schwächen des Drehbuchs jedoch auch nichts zu ändern. Auf der anderen Seite stehen der menschenverachtende Firmenboss John Carlyle, überzeugend durch William Fichtner gegeben, sowie Jodie Foster, als Verteidigungsministerin Delacourt,Wächterin über Elysium, die skrupellos über Leichen geht, um ihren Lebensstil zu schützen und ihre Karriereambitionen voranzutreiben. Foster liefert eine durchaus passable elitäre eiskalte Viper ab, ein bisschen böser hätte es aber ruhig sein dürfen. Dafür gibt es dann noch einen richtigen Schlagetod, einen Cyborg namens Kruger, gespielt von Sharlto Copley, der auch schon in "District 9" mit von der Partie war.

Trotz dieser vielfältigen Möglichkeiten, samt einem enormen Potenzial, reicht "Elysium" aber nicht an "District 9" heran. Die verworrene Story offenbart nach einem guten Einstieg Tempoprobleme und auch zwischendurch gibt es ein paar Hänger. Die im Film enthaltene Gesellschaftskritik ist zwar auch diesmal überdeutlich. Es mangelt aber an politischer Aussagekraft, und der Blick auf diese Nah-Zukunft hätte konsequenterweise deutlich zynischer ausfallen können. Und das Ende, das vermutlich mainstreamigen Sehgewohnheiten geschuldet ist, erscheint dann doch etwas unglaubwürdig. Zu kurz kommt dafür nicht, typisch Blockbuster, die Action; und es wird obendrein ordentlich auf die Tränendrüse gedrückt.

Fazit: Gehobenes massentaugliches Popcorn-Theater mit einer Portion Gesellschaftskritik. Im Vergleich zu Neil Bloomkamps Erstling fällt der Film als moralische Parabel auf unsere Zwei-Klassen-Gesellschaft zwar deutlich ab, visuell und in der technischen Umsetzung gibt er sich aber wenig Schwächen, was ihn durchaus sehenswert macht.





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