VG-Wort
Die Domain Spielfilm.de verwendet Cookies für funktionale und analytische Zwecke. Durch die Nutzung unserer Seite erklärst Du Dich damit einverstanden. Weitere Cookie-Informationen findest Du hier.

Ok, einverstanden!

oder
Was bleibt - Hauptpakat
Was bleibt - Hauptpakat
© Pandora Film

Kritik: Was bleibt (2011)


Was bleibt Mutter Gitte ist schon lange krank. Sehr lange krank. So lange, dass die Jugend ihrer Kinder, die letzten 30 Jahre ihrer Ehe und ihr halbes Leben davon geleitet und geprägt wurde. Woran die Mutter zweier Söhnen erkrankt ist, darüber hüllt der neue Film von Hans-Christian Schmid sich in genauso tiefes Schweigen, wie über die Konflikte zwischen den Generationen, die in "Was bleibt" zum Tragen kommen.

Während eines Lebens tragen Menschen unzählige Masken, die sie verstellen, die wie eine zweite Identität das wahre Ich vertuschen wollen, verbergen sollen, verändern müssen. Ob in der Schule, wo es nur um Angepasstheit geht oder im Beruf, in dem nichts außer Ordnung und Durchschnittsverhalten geduldet wird: Das Leben ist durchtränkt von Momenten, in denen der Mensch nicht so sein soll, wie er in Wirklichkeit tickt. Zu diesen zählen auch Familientreffen, die nie reibungslos verlaufen und meist nur einen wohligen Stand des Glücklichseins vermitteln sollen, aber niemals das, wofür Familien eigentlich da sind: Probleme besprechen und lösen. Schmids "Was bleibt" treibt das Versteckspiel seiner Figuren auf die Spitze, gerade weil die Hauptfigur, die kranke Gitte, wie ein fünftes Rad am Wagen nicht mitspielen darf. So kann man Gittes Isolation, ihre Bevormundung und die Behandlung, als sei sie ein ungestümes Kind, in jedem ihrer zaghaften Blicke spüren.

Der jedoch hauptsächlich in dem Familiendrama präsentierte Konflikt spiegelt das Dilemma der Wohlstandsgesellschaft, dessen jüngster Generation mit unbegrenzten Möglichkeiten eigentlich das perfekte Leben geboten werden sollte. Doch auch diese jüngste Generation ist nicht glücklich. Ob der erfolgreiche Buchautor Marko, der die „Vorzüge“ des Daseins als Wochenenddaddy genießen darf oder sein Bruder Jakob, der mit allen Möglichkeiten und einem unbegrenzten Wohlstand ausgestattet dennoch seine Arztpraxis vor die Hunde fährt - es ist eine von materieller Sicherheit geprägte Generation, die der Film in einen Konflikt mit der Elterngeneration bringt. Mit Absicht zeigt Schmid hier eine wohlhabende Familie - nicht nur um soziale Konflikte zu umkurven, sondern um, während lautstark auf die Probleme innerhalb der Figuren eingegangen wird, eine andere Botschaft auf den Punkt zu bringen: Geld alleine macht nicht glücklich.

Über den deutschen Film wurde schon viel geredet und gerade an Dialogarbeit und Inszenierung viel bemängelt. Der in seiner Inszenierung und in seiner Antithese zum Unterhaltungsfilm typisch deutsche "Was bleibt" passt sich mit theaterähnlichen Dialogen diesen Vorurteilen an. Aber allein die Charakterzeichnung, der es an Authentizität und traurigem Realismus nicht fehlt, ist das Eintrittsgeld für den Film, dessen Figuren sich erst langsam nicht mehr mit der Beißzange berühren, allemal wert.

Nicht selten kommt es vor, dass deutsche Filme "typisch deutsche" Dialoge haben. Auch "Was bleibt" verfügt teilweise über solche Dialoge, die nicht unbedingt gestellt wirken, aber in ihrer Form niemals in einer realen Situation verwendet werden würden. Das führt meist zu einem Authentizitätsproblem, ist aber im Fall von Schmids Werk kein Beinbruch, denn was seine Dialoge nicht können, fangen seine Darsteller – sowohl bekannnte Größen als auch neue, unverbrauchte Gesichter – auf. Insbesondere muss hier Corinna Harfouch erwähnt werden. Man kann von ihr denken was man will, aber die Präsenz, die sie ihrer verletzten Figur einimpft, trägt den gesamten Film.

Schon zu Beginn zeigt der schwere Kinobrocken, dass er – typisch deutsch eben – nicht unterhalten will. Einen Vorwurf muss er sich aber ganz und gar nicht gefallen lassen: Jenen des mageren und klischeeträchtigen Endes. Ganz im Gegenteil: Wie Hans Christian Schmid sein höchst zynisches, wie zu gleich bitteres, mit einem kleinen Fragezeichen versehens Happy-End der ganz anderen Kategorie gestaltet, ist mutig, konsequent und schließt den Kreis um eine Geschichte von Figuren, die sich eigentlich so nah sind, wie keiner anderen Personen, im Endeffekt jedoch wie Isolierte im Glashaus vegetieren und sich fragen müssen: Was bleibt am Ende, wenn nicht die Familie?

Fazit: "Was bleibt" am Ende von Schmids neustem Werk? Ein ausgezeichnetes Familiendrama, das unter die Haut geht, gleichsam aber auch gesellschaftliche Probleme anspricht und nur durch teils gestellt wirkende Dialoge Qualität vermissen lässt. Sehr sehenswert!





Spielfilm.de-Mitglied werden oder einloggen.