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Mein Stück vom Kuchen
Mein Stück vom Kuchen
© Kinowelt

Kritik: Mein Stück vom Kuchen (2011)


Am Beginn des Films ist ein Kuchen zu sehen, im Hintergrund erklingt das freudig-erregte Stimmengewirr einer Geburtstagsfeier. Der Kuchen wird gerecht verteilt, doch am Ende bleibt ein Stück übrig. Denn France (Karin Viard) ist nicht inmitten der fröhlichen Gemeinschaft, sie hat versucht, sich das Leben zu nehmen. Die Mutter dreier Kinder hat gerade nach 20 Jahren ihre Arbeitsstelle in einer Fabrik in Dünkirchen verloren und scheint keine Perspektive zu finden. Aber sie rappelt sich wieder auf – und beschließt, ihr Glück als Putzfrau in Paris zu versuchen.

In der Welt des Finanzhais Steve (Gilles Lellouche) geht es hingegen darum, ein möglichst großes Stück vom Kuchen zu bekommen. Er ist gierig nach Erfolg, nimmt sich, was er will und soll nun in Paris ein neues Büro aufbauen. Für seine Wohnung sucht er eine Putzfrau und engagiert France. Zwei Gegensätze prallen aufeinander: Auf der einen Seite die tatkräftige, von Geldsorgen geplagte Mutter, auf der anderen Seite der zynische, reiche Geschäftsmann, der in schwachen Momenten in Selbstmitleid versinkt.

In dem ersten Drittel seines Films verwendet Regisseur Cédric Klapisch viel Mühe darauf, mittels einer Parallelmontage die Unterschiede in den Lebensweisen seiner Protagonisten zu verdeutlichen. Dabei arbeitet er durchaus mit den gängigen Stereotypen: die auf Zusammenhalt getrimmte Arbeiterwelt trifft auf die von Missgunst geprägte Börsenwelt, ein Ausflug an den Strand von Dünkirchen steht einer luxuriösen Shoppingtour nach Venedig gegenüber, Frances Wärme im Umgang mit ihren Kindern kontrastiert Steves rücksichtsloses Verhalten gegenüber einem Model und seine Unbeholfenheit im Umgang mit seinem Sohn. Doch die Klischees und in Teilen vorhersehbare Handlung fallen nicht allzu störend ins Gewicht. Vielmehr nutzt Regisseur und Drehbuchautor Cédric Klapisch ihr komisches Potential und baut irritierende Zwischentöne ein. So führt die obligatorische Einkaufstour France und ihre Familie zu Lidl und nicht in Luxusgeschäfte. Auch Steve offenbart zwar nette Seiten, aber er bleibt bis zuletzt ein Egoist. Dadurch nutzt Klapisch die Nähe seines Films zu romantischen Komödien wie „Pretty Woman“ zur Sozialkritik und einer Reflektion der Identität der französischen Arbeiterklasse. Seine Protagonistin mit dem bezeichnenden Namen France muss für eine Zukunft nicht nur die solidarische Geborgenheit der Arbeiterschaft aufgeben, sondern in ihrem Putzfrauen-Kurs auch verleugnen, dass sie Französin ist. Die anderen Frauen, die allesamt Migrantinnen sind, könnten sonst irritiert sein. Auch im letzten Drittel des Films wird sie erneut ihre Identität verschleiern – und was als heiteres Spiel beginnt, führt France bald auf den harten Boden der Realität zurück. Dadurch findet Cédric Klapisch einen überraschenden Dreh aus der Geschichte, der nicht vollends überzeugt. Hier hätte er stärker auf die Wirkung der Sozialkritik vertrauen sollen, anstatt Frances Verhalten einen unnötigen Ruch der Verzweiflung zu verleihen. Auch wenn der von Karin Viard großartige gespielten France von Beginn an eine gewisse Labilität zugestanden werden muss, ist ihr Verhalten am Ende des Films nur schwer nachzuvollziehen.

Fazit: „Mein Stück vom Kuchen“ ist eine unterhaltsame Komödie aus Frankreich, die eine sozialkritische Variante von „Pretty Woman“ erzählt und insbesondere dank der großartigen Karin Viard unterhält.




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