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Michael
Michael
© Nikolaus Geyrhalter Filmproduktion GmbH

Kritik: Michael (2011)


Wie erzählt man aus der Sicht des Täters von dem sexuellen Missbrauch eines Kindes? In seinem Film "Michael" findet der Österreicher Markus Schleinzer einen überzeugenden Weg, indem er jegliche Effekthascherei vermeidet. Stattdessen schildert er konzentriert das Zusammenleben des 10-jährigen Wolfgang (David Rauchenberger) und des 35-jährigen Michael (Michael Fuith), in das sich eine beängstigende Routine eingeschlichen hat. Wenn Michael abends von der Arbeit in sein unscheinbares Reihenhaus zurückkehrt, macht er Abendbrot und lässt Wolfgang aus dem Kellerraum heraus, in dem er tagsüber gefangen ist. Sie essen gemeinsam, manchmal darf Wolfgang fernsehen. Dann muss er wieder in das Kellerverlies. Michael bleibt noch länger wach, geht später ins Bad, greift zum Gleitgel und geht in den Keller. Er schließt die schwere Tür hinter sich, die Kamera verharrt außen vor der Tür. Es ist nichts zu hören, der Akt des Missbrauchs ist nicht zu sehen, er verbleibt in der Vorstellung des Zuschauers. Die explizite Gewalt bleibt unsichtbar – und wird dadurch umso präsenter.

Diese bewussten Auslassungen im Gezeigten und in der Handlung – beispielsweise die Umstände von Wolfangs Entführung – erzeugen einen intensiven Sog, der auch lange nach Ende des Films anhält. Denn Markus Schleinzer erzählt von der fortgesetzten Vergewaltigung eines Kindes, ohne den Täter zu dämonisieren. Vielmehr wirkt Michael auf den ersten Blick erschreckend bürgerlich. Er lebt in einem Haus, arbeitet bei einer Versicherung und fährt mit Kollegen auf einen Ski-Ausflug. Er ist einer der Männer, über die erst nach Bekanntwerden der Tat gesagt wird, dass der doch schon immer ein wenig anders gewesen sei. Doch in der Gegenwart fällt er nicht auf. Auch in dem "Zusammenleben" mit Wolfgang scheint eine Routine eingekehrt zu sein – sie essen zu Abend, erledigen den Abwasch, unternehmen sogar Ausflüge. Von außen wirken sie wie Vater und Sohn, dadurch täuscht Michael eine Beziehung vor, zu der er selbst gar nicht fähig ist. Längst hat er seine Taten akzeptiert, stellt sein Handeln nicht infrage. Ohnehin ist er kaum zu Gefühlen fähig. Das wird insbesondere in den wenigen emotionalen Ausbrüchen des kontrollierten Michael deutlich: Wenn er Wolfgang mit Schneebällen bewirft oder bei einem Porno einen Lachanfall bekommt und wenig später beim Abendessen mit Wolfgang die entscheidende Stelle nachspielt, erschüttern diese Sequenzen bis ins Mark. Zumal die Schauspieler Michael Fiuth und David Rauschenberg ihre schwierigen Rollen hervorragend spielen.

Indem Markus Schleinzer die Figuren in ihrem Alltag zeigt, werden sie durchschnittlich, ja, alltäglich. Das verstärkt den Eindruck, dass es jedes Kind treffen könnte und Pädosexuelle geschickt in der Manipulation von Kindern sind. Außerdem wird deutlich, dass sich die schrecklichsten Verbrechen im Alltag verbergen können. Dadurch geht dieser Film an die Grenzen der Belastbarkeit des Zuschauers, der sich zunehmend gegen den Film wehrt – vor allem weil sich Wolfgang so lange nicht widersetzt. Er scheint sich mit seiner Situation abgefunden zu haben, deshalb möchte man stellvertretend für ihn kämpfen. Dieser stille Film macht es dem Zuschauer also nicht leicht. Und so sitzt er nach dem überraschenden Ende fast sprachlos im Kino.

Fazit: "Michael" ist ein Film, der an die Nieren geht – und dessen Schauspieler großartig agieren. Er löst ein Unbehagen aus, das nicht so einfach vergeht. Diesen Film muss man aushalten können, aber er ist zweifellos unbedingt empfehlenswert.




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