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Große Erwartungen - Plakat
Große Erwartungen - Plakat
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Kritik: Große Erwartungen (2011)


Bereits kurz nach den ersten Publikationen von "Great Expectations" in Charles Dickens' eigens herausgegebem Wochenblatt "All The Year Round" stieg die Nachfrage nach dem emotionalen und sozial-satirischem Werk des Autors. Als die Geschichte dann 1861 als Roman erschien, konnte Dickens bald über 100.000 Exemplare absetzen. Eine große Anzahl für die damalige Zeit.
Heute gilt "Große Erwartungen" als Klassiker unter den Charles Dickens-Romanen, als ein Werk, dessen Themen bis heute aktuell geblieben sind - 150 Jahre nach der Erstveröffentlichung. So wenig verändert sich die Welt.

Grund genug, eine weitere Verfilmung in die Kinos zu schicken, sagten sich die beiden Produzenten Elizabeth Karlsen und Stephen Woolley. Das Publikum mag vielleicht aufstöhnen - schließlich gab es neben zahlreichen Verfilmungen für das Fernsehen ebenso viele Adaptionen für die Kinoleinwand (zuletzt brachte Alfonso Cuaron 1998 den Stoff mit Ethan Hawke und Gywneth Patrow in den Hauptrollen in die Lichtspielhäuser).
Die neueste Version der Geschichte um zwei fehlgeleitete und misshandelte Jugendliche, die an ihren "großen Erwartungen" zerbrechen, kann sich damit preisen, dass sie als große Produktion mit einem hochkarätigen Cast alles in Bewegung setzt, um dem Geist der Geschichte gerecht zu werden. Basierend auf einem gelungenen Drehbuch von David Nicholls erscheint ein Historienfilm in den Kinos, der zwischen einer melancholischen Liebesgeschichte, dem sozialkritischen Unterton und einem unerwarteten Kriminalfall die richtig ausbalancierte Stimmung, wenn auch nicht immer die nötige Tiefe, findet. Optische Schauwerte überlagern teils das Agieren der Figuren.

Regisseur Mike Newell muss sich den Vorwurf gefallen lassen, das gute Drehbuch von Autor David Nicholls nicht immer genau umgesetzt zu haben, wenn er auch einen guten Unterhaltungsfilm produziert hat.
Dass Hauptfigur Pip, ein fehlgeleiteter, selbstsüchtiger und verantwortungsloser Held ist, kann man im Buch von Charles Dickens nachlesen, findet man aber nur bedingt in der neuen Verfilmung wieder. Viel zu abenteuerhungrig hält es Newell sowohl im Aufbau seiner Handlung, wie auch im Umgang mit der Atmosphäre. Sozialkritische Auseinandersetzungen werden dem Streit um eine Frau untergeordnet. Die vielleicht spannendste Figur des Films - ein reicher, aber arroganter Gentleman, der seinen eigenen Club beherrscht und die Frauen nimmt, die er sich wünscht - wird als stereotyper Antagonist abgestempelt. Zumeist weht der Charme von "Harry Potter und der Feuerkelch" über die Leinwand, obwohl "Große Erwartungen" vor allem eine Geschichte über zwei zerbrechliche Personen ist, die beide von ihren Eltern misshandelt und fehlgeleitet wurden.

Doch Newells Verfilmung setzt andere, kriminaltechnische Schwerpunkte. Ein Kriminalfall der unerwarteten Sorte steht bald im Vordergrund. So entwickelt sich "Große Erwartungen" gerade im letzten Drittel zu einem spannenden Film mit einem verzwickten Hintergedanken. Newell weiß weiterhin, wie man Stimmung und Atmosphäre einfängt, wie man große Kinobilder erzeugt und wie man ein stattliches Budget und eine Horde guter Darsteller zu einem großen Leinwanderlebnis formiert. Sein Film lebt von den Schauwerten und kann dadurch als Blockbuster bestehen. Doch auch wenn die Tiefgründigkeit der Figuren dem optischen Firlefanz geopfert wird, gibt es immer noch Charaktere, die nicht vollends stereotyp und dadurch nicht klar einzuordnen sind. So ist der Schluss auch ein stückweit überraschender, als man erwarten würde. Fazit: Zwar geht die sozialkritische Satire manchmal im großangelegten Brimborium unter und insgesamt ist der Zugang eher oberflächlich, auf die Schauwerte konzentriert, aber zumindest als Popcornkino der altbacken Sorte kann die mit neuen Schwerpunkten ausgestattete Dickens-Adaption von Newell und Nicholls überzeugen.




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