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Take Shelter
Take Shelter
© Sony Pictures Classics

Kritik: Take Shelter – Ein Sturm zieht auf (2011)


Der US-amerikanische Drehbuchautor und Regisseur Jeff Nichols machte erstmals 2007 mit seinem viel beachteten Film „Shotgun Stories“ auf sich aufmerksam. Mit seinem Debütfilm gelang ihm ein intensives Familiendrama, das in ländlicher Gegend in der amerikanischen Mittelschicht spielte. Nichols rückte die alltäglichen Ängste und Probleme dieser Schicht und des einfachen Bürgers in den Mittelpunkt: Die Angst vor der Arbeitslosigkeit und dem Verlust der gesicherten Existenz, dem finanziellen und schließlich auch sozialen Abstieg. Diese Themen greift Nichols in seinem neuesten Film "Take Shelter" nun erneut auf, einem Hybridwesen aus psychologischem Drama, Mystery- und Psychothriller. Mit "Take Shelter" legt Nichols ein ungemein beklemmendes und düsteres Werk vor, das in erster Linie durch eine früh einsetzende und fortwährend bedrohliche Atmosphäre sowie die fulminant agierenden Darsteller überzeugt. Vor diesem Hintergrund wurde "Take Shelter" in diesem Jahr zu Unrecht von der Academy ignoriert.

Der Bauarbeiter und Familienvater Curtis LaForche lebt mit seiner Frau und der sechsjährigen, gehörlosen Tochter in bescheidenen aber glücklichen Verhältnissen in einer Kleinstadt in Ohio. Das Geld ist knapp, aber irgendwie kommt man immer über die Runden. Das beschauliche Leben findet ein jähes Ende, als Curtis immer häufiger von schrecklichen Albträumen und Visionen eines zerstörerischen Sturmes gequält wird. Curtis entschließt sich vom Geld, das eigentlich für eine Operation der Tochter gedacht ist, einen Sturmschutzbunker im Garten zu bauen. Zum Schrecken seiner Familie, steigert sich Curtis zunehmend in seine Wahnvorstellungen hinein und droht langsam aber sicher, den Bezug zur Realität zu verlieren. Nicht nur seine Frau fragt sich: Ist Curtis verrückt geworden oder steckt hinter seinen Visionen von einer bevorstehenden Naturkatastrophe doch mehr?

Bereits in einer der ersten Einstellungen des Films ahnt Curtis beim Anblick des Himmels böses. Kurz darauf fällt öliger, schwarzer Regen vom Himmel und höllische Blitze treten aus den dunklen Wolken hervor. Dazu kommen Vögel, die in ungewöhnlichen und noch nie gesehenen Formationen fliegen und sich dazu noch als extrem aggressiv erweisen. Sind dies alles Vorboten einer bevorstehenden Apokalypse, des drohenden Weltuntergangs? Diese symbolischen Bilder begegnen Curtis und dem Zuschauer im weiteren Verlauf der Handlung immer wieder. Sie haben wesentlichen Anteil an der stets präsenten, bedrückenden Spannung und dem allgegenwärtigen Schleier der Bedrohung, der auch den Zuschauer einhüllt und ihn sich fragen lässt: Was steckt hinter den Visionen? Sind diese ernst zu nehmen oder einfach ein Produkt einer krankhaften Psyche? Regisseur Nichols transportiert diese trostlose und beängstigende Stimmung mit Hilfe hypnotisierender Bilder, die vor allem dann ihre volle Wirkung entfalten, wenn Curtis von einer seiner Visionen heimgesucht wird. Hier ergeht sich "Take Shelter" aber nicht in einem ausufernden Effekte-Gewitter sondern beeindruckt mit gezielt und reduziert eingesetzten, ausgesprochen realistischen CGI-Effekten (der Regen, die Blitze, die Vögel). Über diese Bilder legt sich der dramatische, emotionale Soundtrack von David Wingo, der ebenso wuchtig daherkommt wie die Bilder von Kameramann Adam Stone ("Shotgun Stories").

Die eigentliche Naturgewalt des Films ist jedoch nicht der drohende Sturm, sondern Darsteller Michael Shannon, der bereits in "Shotgun Stories" die Hauptrolle übernahm und in "Take Shelter" eine glänzende Perfomance abliefert. Shannon beeindruckt mit zunächst zurückhaltender, subtiler Gestik und Mimik, die im Laufe des Films und des zunehmenden Kontrollverlusts von Curtis jedoch immer expressiver und ausdrucksstärker wird. Dann nämlich spiegelt sich das drohende, bis jetzt nur in der Psyche von Curtis auftretende Unheil mit entwaffnender Intensität in seinem Blick wider. Angst und Schrecken manifestieren sich somit im Ausdruck seines Gesichts. Shannons intensive Darstellung macht Curtis komplexe Entwicklung vom zufriedenen, in sich ruhenden Familienvater zum wahnhaften, psychisch labilen Sonderling für den Zuschauer – zumindest ein Stück weit – nachvollzieh- und verstehbar. Spätestens, wenn es zum Vertrauensbruch mit seinem Chef kommt und Curtis infolgedessen jegliche finanzielle Grundlage zu verlieren droht. Dann nämlich wird für den Zuschauer so manche (Über) Reaktion vielleicht ein wenig deutlicher. Schließlich geht es Curtis einzig um die Sicherheit und den Schutz dessen, was ihm am Wichtigsten ist und ihn schließlich am Leben hält: die Familie. An dieser Stelle greift Regisseur Nichols wieder das Thema der existenziellen Ängste des US-amerikanischen Mittelstandes auf. "Take Shelter" ist auch ein Film, der den familiären Alltag im ländlichen Ohio aufzeigen möchte. Ein Alltag, der gekennzeichnet ist vom Kampf des einfachen, bürgerlichen Mannes um seine wirtschaftliche Existenz und die finanzielle Sicherheit der Familie als Nachwirkung der großen Finanzkrise. Zu erwähnen sei noch, dass Jessica Chastain als Curtis Ehefrau ebenso brilliert und ihrer rationalen Figur die nötige Wärme und Sympathie verleiht und damit als kontrastreicher Gegenpol zu ihrem von Visionen geplagten Mann fungiert. Wer jedoch darauf hofft, Nichols präsentiere am Ende eine alles erklärende Auflösung, dem sei gesagt: Ebenso mysteriös, undurchsichtig und rätselhaft wie die Visionen von Curtis gestaltet sich auch das Finale, dass viele fragende Gesichter hinterlassen wird.

Fazit: "Take Shelter" funktioniert als intensives Drama ebenso wie als beklemmender Mystery- und Psychothriller. Dank herausragender darstellerischer Leistungen sowie einer realistischen Bildsprache gelingt Regisseur Jeff Nichols eine verstörende Schreckensvision sowie eine intime Bestandsaufnahme der bedrohten Situation weiter Teile der amerikanischen Mittelschicht.

Björn Schneider



Der Familienvater Curtis (Michael Shannon) hat eine dunkle Ahnung: Ein Sturm zieht auf, der die ganze Welt verändert wird. Jede Nacht träumt er von unheilvollen Anzeichen: Dickflüssiger, öliger Regen fällt vom Himmel, Vogelschwärme machen Jagd auf ihn und seine gehörlose Tochter Hannah (Tova Stewart) wird von Freunden angegriffen. Curtis ist überzeugt, dass dieser Sturm die Menschen so verändern wird, dass sie aufeinander losgehen und sich gegenseitig töten. Aber er will seine Tochter beschützen und beginnt deshalb, den Tornado-Keller auszubauen.

In seinem zweiten Film "Take Shelter" inszeniert Regisseur Jeff Nichols die Landschaft als Bedrohung, zudem sät er Zweifel an Curtis‘ Visionen: Seine Mutter war Mitte 30, als bei ihr paranoide Schizophrenie diagnostiziert wurde – also in dem Alter, in dem er jetzt selbst ist. Leidet er daher einfach unter Wahnvorstellungen? Großartig verkörpert Michael Shannon den Familienvater, der stoisch sein Ziel verfolgt und zugleich an seinem eigenen Verstand zweifelt. Er wendet sich an einen Arzt, besorgt sich Lektüre über Schizophrenie und kann doch seine Ahnungen nicht ignorieren. Denn er hat sich einst geschworen, seine Familie niemals im Stich zu lassen so wie seine Mutter ihn verlassen hat. Dabei sät Jeff Nichols ausreichend Hinweise auf mögliche Ursprünge von Curtis‘ Wahnvorstellung: Sein Vater ist vor kurzem gestorben, außerdem haben er und seine Frau Samantha (Jessica Chastain) vor einiger Zeit erfahren, dass ihre Tochter taub ist. Vielleicht sind seine Ängste also eine Reaktion auf diese Verlusterfahrungen. Womöglich fühlt er sich ohnmächtig und befürchtet, Hannah nicht beschützen zu können. Mit wenigen Mitteln verkörpert Michael Shannon diese Ängste. Seine große Gestalt beugt sich zunehmend, er sieht immer müder aus. Auch Jessica Chastain ist hervorragend als sorgende Ehefrau und Mutter. Sie will ihre Tochter beschützen, zugleich ihrem Mann zur Seite stehen. Aber kann sie ihm noch trauen? Vielleicht setzt er gerade die gesamte Zukunft und Sicherheit der Familie aufs Spiel. Jessica Chastain benötigt nur einen Gesichtsausdruck, um die widerstreitenden Gefühle sichtbar zu machen.

"Take Shelter" überzeugt weniger durch seine Effekte als durch die psychologische Spannung, die durch die zunehmende Ungewissheit entsteht. Dabei lässt sich der Film zeitlich recht genau in der Gegenwart verorten: Die Immobilien-Krise hat die USA im Griff, die Menschen haben Existenzangst. Schon Curtis‘ Krankenversicherung, die eine teure Behandlung seiner Tochter zahlen würde, wird positiv herausgestellt – und an ihrem Beispiel wird deutlich, wie unsicher die Zeiten sind. Daher könnte diese Bedrohung, die Curtis und auch der Zuschauer fühlt, in der Realität liegen. Anscheinend gibt es auch in dieser Welt keine Rettung mehr. Dadurch verstärkt sich der hypnotische Sog, der von diesem Film ausgeht. Denn bis zum großartigen Ende bleibt die Frage offen, wo die größte Gefahr eigentlich lauert.

Fazit: "Take Shelter" ist ein sehenswerter und sehr spannender Film mit herausragenden Darstellern!





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