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The Angels' Share - Ein Schluck für die Engel - Hauptplakat
The Angels' Share - Ein Schluck für die Engel - Hauptplakat
© Prokino

Kritik: Angels' Share - Ein Schluck für die Engel (2012)


Regisseur Ken Loach hat in seiner 45 Jahre umspannenden Karriere schon über 30 Filme gedreht, und sein neuester Film "The Angel's Share" zählt vielleicht zu seinen besten Werken. Wie ein guter Whiskey, der sein Aroma ganz langsam entfaltet, entwickelt sich „The Angel's Share" von einem holprig-unterhaltsamen Start über einen dramatischen Mittelteilum schlussendlich bitter-süß zu enden. Der Zuschauer wird dabei amüsiert, belustigt, aber auch betroffen und sensibilisiert. Denn Loachs Film ist bei weitem keine Hochglanz-Komödie, sondern vielmehr ein Fingerzeig auf die neue "Working-Class-Hero"-Generation der das "Working" abhanden gekommen ist, wodurch Gewalt, Drogenkonsum und Verwahrlosung florieren. Loach war immer ein Regisseur, der die Jugend mit ihren Problemen ablichtete und sein neuestes Werk tut dies ebenso – ist aber verpackt als eine aberwitzige, typisch britische Komödie, die ihren Ausweg in Heiterkeit und nicht Depression sucht. Ein Feel Good-Movie, der sich seine Bezeichnung redlich verdient hat.

Wie die gängigen amerikanisierten Pendant verwendet auch "The Angel's Share" in gewisser Hinsicht stereotypische Figuren: Eine kleine Gruppe von vier liebevollen Lo­sern, die einer verrückten Idee nacheifern. Dazu verwendet Loach oft gesehene Kinostilmittel, wie die Elemente des Road- und des Heist-Movies. Sogar beliebte Handlungsprämissen, wie die der Hauptfigur Robbie, der in seinem verkorksten Leben sich eine "zweite Chance" verdienen will, halten Einzug in Loachs Film. Doch der Unterschied zu amerikanisierten Produktionen liegt nicht nur in der Whiskey-Essenz und dem "britischen" Look, der die Geschichte gleich viel rauer und weniger geschliffen wirken lässt, sondern auch daran, dass der Regisseur seine Figuren einerseits in einen glaubwürdigen Rahmen großstädtischer Arbeitslosenprobleme steckt und andererseits auf allzu typische Charakteristik verzichtet. Robbie ist ein Krimineller, wie man ihn im Wörterbuch findet, erhält aber dadurch Profil und ebenso Menschlichkeit, dass Loach ihn mit all seinen Abgründen, Problemen, Gewaltausbrüchen, sprich: unsympathischen Charakterzügen, darstellt, während er den Zuschauer erkennen lässt, dass hinter dem narbendurchzogenen Gesicht ein offener, schuldbewusster und cleverer junger Mann steht, der in seiner Umgebung und in seiner vorbelasteten Haut gefangen ist. Dadurch entstehen – auch beim Zuschauer – Widersprüche, die "The Angel's Share" gerade in der ersten halben Stunde zu einem warmherzigen, aber in vielen Momenten hochdramatischen Film machen, der sich dadurch einen ganz klaren Vorteil erarbeitet: Der Zuschauer fiebert mit den Hauptfiguren mit, fühlt Leid und Freude nach. So kann das Publikum auch gleich viel beherzter Lachen, wenn eine Pointe zündet oder ein brachialer Gag die Szenerie sprengt. Dann ist es auch nicht weiter tragisch, dass sich der Film zu einer skurrilen Heist-Komödie entwickelt, die bitter-süß und ohne Verweis auf den dramatischen Mittelteil endet. Dann hat der Zuschauer fast schon eine kleine Katharsis hinter sich, weil er durch die Probleme der Jugendlichen eine neue Perspektive gezeigt bekommt, die mit viel Humor und Witz umgarnt, ihre Wirkung am Ende voll auskosten kann.

Hinter den Kanten unkonventioneller Charakteristik steckt natürlich eine gehörige Portion britischen Humors. Besonders das letzte Drittel des Films, welches sich unverhofft zu einem unterhaltsamen Road-Movie entwickelt, profitiert von der britischen Gemeinheit und Galgenhumor-Mentalität. Besonders Side-Kick-Figur Albert steigert sich zum personifizierten Schenkelklopfer, wenn er mit kindlich-naiver Dummheit den Fremdschäm-Modus im Publikum einschaltet und für zahlreiche Face-Palms der Kategorie "So dumm kann man doch nicht sein" sorgt. Der Humor des Films ist immer britisch, aber ebenso warmherzig, wie schön. Das hinausgezögerte Ende wird dabei fast zu einem kleinen Nervenspiel für den Zuschauer.
Einzig der ausgelutschte Soundtrack um "The Proclaimers“ kommt einem Griff ins Klo gleich. Doch durch das jederzeit spezielle Ambiente um den allgegenwärtigen Whiskey, der im Publikum beinahe magischen Reiz entwickelt, werden solche kleinen Schwächen wieder mit viel Gelassenheit und Witz wieder aufgefangen. Es lässt sich nicht abstreiten, dass der Film ein kleinen wenig Werbung für das schottische Wundergetränk macht.

Fazit: Der neue Film von Ken Loach funktioniert beinahe wie ein guter Whiskey. Gewöhnungsbedürftig und sonderbar zu Beginn, aromatisch-warmherzig im Mittelteil und wunderbar süß-bitter im lecker schmeckenden Abgang. Eine Feel Good-Komödie, die sich ihren Namen verdient! Sehenswert!




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