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Magic Mike - Hauptplakat
Magic Mike - Hauptplakat
© Concorde

Kritik: Magic Mike (2012)


Oh, Mike. Schau dich doch nur an. Wie du da mit versteinerter Miene stehst und deinen auf unzählige Nächte zu häufig ausgedehnten One-Night-Stand verständnislos anschaust, nachdem dein letzter emotionaler Strohhalm dir gebeichtet hat, dass sie sich verlobt hat und heiraten wird. Wach auf Mike, wach auf Mike! Die Illusion der wahren Liebe ist doch schon längst nicht mehr gegenwärtig. Du bist lediglich ein Symbol für die Frauenwelt, ein Aushängeschild.
Wie sagt es dein Möchtegernkumpel Dallas so schön: Der Ehemann für eine Nacht. Die sexuelle Phantasie, der sie alle entgegen fiebern und der Kick, der ihnen im Alltag abhanden gekommen ist. Und doch schaust du wie ein geschlagener Hund, der sich mit all seinen Muskeln, seinem Charme und seinem freundlichen Lächeln kaum wehren kann.
Wie feinfühlig doch diese Szene eingefangen ist! Es ist mal wieder Zeit für einen neuen Soderbergh-Film dessen unverkennbare Klasse es ist, sich in seinen Projekten neu zu erfinden und immer wieder für breites Staunen im Publikum zu sorgen. In "Magic Mike" kreiert der amerikanische Filmemacher eine indirekte Hommage an Paul Thomas Andersons "Boogie Nights", beleuchtet die exklusive Welt der Stripper und führt dem Zuschauer vor, wie Realität und Illusion, Traum und Alltag junge geld- und sexgierige Männer zum Ausziehen bringt. Soderbergh entlockt der schmuddeligen Branche, die jeder gerne mal von innen sehen würde, einige Geheimnisse – auch weil Hauptdarsteller Channing Tatum selbst, mit jungen 19 Jahren, als Stripper gearbeitet hat. Allerdings geht Soderberghs als Komödie getarntem Drama zum Ende hin zu überraschend die Luft aus, als dass man darüber hinwegsehen könnte.
Dennoch: "Magic Mike", der Türöffner in eine unbekannte Welt, ist neben dem vielen Frauengeschrei und der großen Fläche nackter männlicher Haut ein sensibles Charakterdrama über den Auf-, Ab- und Ausstieg aus einer Branche, der man nur für begrenzte Zeit zugehörig sein kann.

Wer Soderberghs Filme kennt, weiß, dass der amerikanische Regisseur sich für eine 08/15 Inszenierung zu schade ist. Als sein bestechendes Drama "Traffic – Die Macht des Kartells" die Kinosäle flutete, hatte so mancher Zuschauer den Eindruck, dass der Vorführer im Kino etwas auf den Augen hat. Doch die überzogenen Blaufilter und gelben Lichter waren nur Teil einer ausgezeichneten Visualisierung. Auch in "Magic Mike" werden Licht und Farbfilter als Stilmittel genutzt, um die unterschiedliche Wirkung der verschiedenen Welten zwischen Stripschuppen und realer Welt in ihrer Gegensätzlichkeit auf voller Bandbreite auszukosten. Die schmuddelige Strip-Bar ist eine gänzlich abgeschottete Welt und Mike versucht verzweifelt, seiner heimlich angebeteten Liebe zu erklären, dass er und sein Job nicht das selbe sind. Sobald die jungen Männer in den Umkleideräumen lockere Sprüche auf den Lippen haben, mit Penispumpen hantieren oder sich mit Tangas, Feuerwehranzügen und Slips maskieren, verändern sie nicht nur ihr Aussehen, sondern sie spulen ein Programm ab, welches so nur im Club stattfindet. Um die kraftvollen Shows bis ins kleinste Detail auszukosten, lässt sich Soderbergh viel Zeit, die Tanzchoreographien beim Zuschauer wirken zu lassen und arbeitet mit einem ausgezeichneten Soundtrack.

Gleichzeitig aber bleibt die eigentliche Intention des Regisseurs nie auf der Strecke. Während die Männer auf der Bühne ihr letztes Hemd geben, führen sie außerhalb des Ladens ein ganz anderes Leben – jedenfalls die, die sich noch nicht gänzlich dem Rausch des freien und sexerfüllten Lebens hingegeben haben. Und genau auf die Darstellung dieses Kontrasts zwischen dem Bühnenleben und dem realen Leben der Protagonisten legt Soderbergh Wert. So ist der Hauptfigur "Magic Mike" der Drang nach einer anderen Facette seines Lebens deutlich anzumerken. Sein Entwicklungsprozess reicht vom einfachen Draufgänger und Lebemann hin zum verantwortungsbewussten Geschäftsmann mit vielen Talenten. Der von allen nur "The Kid" genannte Adam dagegen verliert in jugendlicher Naivität den Blick auf die Realität, lebt in seiner Traumwelt und wirkt als Dallas wie die Karikatur in Personifikation. Der von Matthew McConaughey so herrlich überzogen gespielte Machoheld ist für Tom Cruise alias Stacy Jax in "Rock Of Ages" ordentlich Konkurrenz. Abgesehen von McConaugheys grandioser körperlicher Präsenz ist es die ausufernde Übertreibung, die seine Figur zu dem schauderhaften Etwas macht, welches eigentlich niemand werden will. Und doch thront Dallas über allen und jedem – und unterscheidet längst nicht mehr zwischen Job und Leben.

Dass die Geschichte von Steven Soderbergh sehr an Paul Thomas Andersons episches Drama "Boogie Nights" angelehnt ist, welches den Blick auf die Innenansicht der Porno-Branche in den 80er Jahren richtete, ist kaum zu übersehen. Sie verfügt allerdings über eine andere Auslegung, die auch im komödiantischen Grundtenor des Films zu finden ist. Dass sich "Magic Mike" nicht zu einem waschechten Drama entwickelt, liegt auch an dem holprigen und schwer nachvollziehbaren Ende, dass seine Charaktere in einer Kitschpfütze zurücklässt, die dem bisherigen Film unwürdig ist. Warum gerade Soderbergh sich für die weiche Variante entschieden hat, lässt sich nicht wirklich erklären. Ein Beinbruch ist das allerdings nicht. Und wie man sieht: "Magic Mike 2" ist auch schon in Planung.

Fazit: Viel nackte Haut, viel Sex und viel gute Musik. Ja, ein Soderbergh legt viel Wert auf die Visualisierung. Doch damit nicht genug. Das als Komödie getarnte Drama geht durch seine Figurenkonstellation jederzeit unter die Haut.





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