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Die andere Heimat - Chronik einer Sehnsucht - Hauptplakat
Die andere Heimat - Chronik einer Sehnsucht - Hauptplakat
© Concorde

Kritik: Die andere Heimat - Chronik einer Sehnsucht (2013)


Regisseur Edgar Reitz kehrt mit diesem knapp vierstündigen Epos zurück in das fiktive Hunsrücker Dorf Schabbach. Dort spielte bereits seine "Heimat-Trilogie", deren Handlung im Jahr 1919 begann und das ganze 20. Jahrhundert umfasste. "Die andere Heimat" geht noch ein Jahrhundert tiefer in die Vergangenheit und wirft einen genauen Blick auf die armseligen Lebensverhältnisse in den 1840er Jahren. Viele Hunsrücker ziehen zu der Zeit nach Brasilien, das in Deutschland um neue Siedler wirbt. Der für das Kino im Cinemascope-Format gedrehte Schwarz-Weiß-Film versteht es, den Zuschauer mit emotionalen Bildern zu fesseln. Sie werfen einen nostalgischen Blick auf eine dörfliche Heimat, die längst verschwunden ist, aber nicht vergessen sein soll.

Im Mittelpunkt des Films, den Reitz seinem verstorbenen Bruder Guido widmet, stehen die gegensätzlichen Brüder Jakob und Gustav. Obwohl der Film den verträumten Jakob, seine einsamen Waldspaziergänge und sein Tagebuch in den Mittelpunkt stellt, wird auch der tüchtige ältere Bruder Gustav positiv dargestellt. Auch die beiden jungen, fröhlichen Freundinnen Jettchen und Florinchen sind wichtige Identifikationsfiguren. Marita Breuer, die die Hauptrolle der Maria in "Heimat 1 – Eine deutsche Chronik" spielte, verkörpert hier die Mutter und wichtigste Bezugsperson Jakobs. Einen interessanten Gastauftritt hat Werner Herzog als durchreisender Alexander von Humboldt.

Die dörfliche Atmosphäre wird in den langen Sequenzen lebendig, die von der Weinlese, der Arbeit in der Schmiede oder dem Dorffest handeln. Indem der Film beinahe dokumentarisch beobachtet, wie die Figuren miteinander reden, was sie denken, wie die Gemeinschaft in der Familie und im Dorf funktioniert, schafft er eine starke Verbundenheit mit ihnen.

Reitz ließ ein halbes Dorf nachbauen, stattete die Räume mit Kerzen, Webstuhl und Spinnrad aus. Draußen laufen Hühner zwischen den Abwasser-Rinnsalen herum, die den Weg zerfurchen. Gesprochen wird im Dialekt, der mit altertümlichen Wörtern und Ausdrücken gespickt ist. Auch optisch wirkt nichts dem Zufall überlassen. Das Schwarz-Weiß der Bilder von Kameramann Gernot Roll entwickelt eine sinnliche Authentizität: Man bekommt einen Eindruck von der Stofflichkeit der Dinge durch die Art, wie sie das Licht aufnehmen. Wie kleine Schmuckstücke tauchen manchmal einzelne bunte Gegenstände auf – ein glühendes Hufeisen, die blauen Flachsblüten, eine Goldmünze. Der Blick der Kamera ist liebevoll, wehmütig, ohne die Realität zu bekämpfen. Allein schon wegen seiner einmalig schönen Bilder lohnt sich dieser berührende Kinofilm.

Fazit: Das vierstündige Schwarz-Weiß-Epos von Edgar Reitz erzählt berührend von den Entbehrungen und Träumen Hunsrücker Dorfbewohner im 19. Jahrhundert. Es taucht mit seinen lebhaft gezeichneten Charakteren intensiv in die Atmosphäre des Dorfalltags ein und beeindruckt mit seiner emotionalen Bildgestaltung.




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