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Fünf Jahre Leben - Plakat
Fünf Jahre Leben - Plakat
© Zorro Film

Kritik: 5 Jahre Leben (2011)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 5 / 5

Das Schicksal des fünf Jahre lang inhaftierten Murat Kurnaz war vor allem in Deutschland Gegenstand umfassender Diskussionen. Dabei wurde nicht nur die Frage aufgeworfen, wie es dem Deutsch-Türken gelingen konnte, die Leidenszeit in Guantanamo zu überstehen. Auch das zögerliche Verhalten der Bundesregierung stand mehrfach auf dem Prüfstand. Regisseur und Autor Stefan Schaller befasst sich in "Fünf Jahre Leben", seinem Diplomfilm an der Filmakademie Baden-Württemberg, mit diesem kontrovers diskutierten Fall, unternimmt glücklicherweise aber nicht den Versuch, die von 2001 bis 2006 andauernde Gefangenschaft Kurnaz‘ in Gänze darzustellen. Der auf den realen Ereignissen beruhende Spielfilm rückt in erster Linie die Anfangszeit des jungen Mannes in Guantanamo in den Mittelpunkt seines Interesses.

Gleich mit den ersten Szenen wirft der Regisseur den Zuschauer ins Geschehen hinein. Der vollkommen überforderte Kurnaz trifft im Gefangenenlager ein und erkennt sehr schnell, wie dort mit Inhaftierten verfahren wird. Die US-Soldaten sind wenig zimperlich, verleihen ihren Anweisungen mit einem Schwall von Schimpfwörtern Nachdruck und werden auch dann handgreiflich, wenn die Gefangenen ihren Befehlen Folge leisten. Die unheilvolle Grundstimmung wird verstärkt durch die in Anbetracht der geringen finanziellen Mittel erstaunlich realistische Darstellung Guantanamos. Auch wenn der Zuschauer die staubige Käfiglandschaft des Lagers aus Nachrichten- und Zeitungsbildern kennt, stellt sich sofort ein durchdringendes Gefühl der Beklemmung ein. Die Feindseligkeit der Umgebung deutet Schaller aber auch symbolisch an. So wird bezeichnenderweise ein Leguan, der durch das Abflusssystem in Murats Zelle kriecht, zum einzigen Freund des jungen Mannes.

Neben der stets präsenten physischen Gewalt zeigt der Film auch die subtileren Verfahren der psychischen Gewalt, die durch Gail Holford repräsentiert werden. Der von Ben Miles nuanciert zwischen Freundlichkeit, herablassender Arroganz und Gefühlskälte gespielte Verhörspezialist steht für das ganze Ausmaß an Menschenverachtung, das Gefangenen in Guantanamo entgegen gebracht wird. Vordergründig gibt er sich als Murats Verbündeter aus, versucht, dem verunsicherten Mann aber durch immer neue Manipulationen ein Geständnis zu entlocken. Schaller geht es dabei nicht so sehr um die Schuldfrage an sich. Vielmehr ist der Regisseur daran interessiert, das grausame System Guantanamos offen zu legen. Wer hier festgehalten wird, das macht der Film deutlich, hat keine faire Chance, denn allein die Anwesenheit "verurteilt" den Inhaftierten dazu, schuldig zu sein. Andernfalls hätten die USA keine Berechtigung für eine Gefangenschaft. Schon diese einfache Feststellung, die in der Öffentlichkeit leider immer wieder in den Hintergrund tritt, macht "Fünf Jahre Leben" zu einem sehenswerten und wichtigen Beitrag.

Vor allem im letzten Drittel, als sich die Verhöre immer mehr zu einem Duell zwischen Kurnaz und Holford verdichten, geht Sascha Alexander Geršak an die körperlichen Grenzen seiner Ausdruckskraft. Abgemagert und ständigem psychologischen Terror ausgesetzt, macht er das Leiden des in Isolationshaft befindlichen Mannes spür- und erlebbar. Spätestens hier wird sich der Zuschauer die Frage stellen, was im Zuge der Terrorismusbekämpfung aus unseren rechtsstaatlichen Prinzipien geworden ist. Denn eines ist sicher: Egal, welche Schuld die in Guantanamo inhaftierten Männer auf sich geladen haben, nichts rechtfertigt eine derart menschenunwürdige Behandlung.

Weniger intensiv geraten sind die immer wieder eingestreuten Rückblenden, die Murat vor seinem Aufbruch nach Pakistan zeigen. Hier wirft Schaller schlaglichtartig den Blick auf die tief sitzende Verunsicherung des jungen Mannes nach der Ermordung seines Freundes. Murat hofft, sich durch den Glauben aus seiner Sinnkrise befreien zu können, und kommt dabei in Kontakt mit zumindest zweifelhaften Personen. Der Beginn undurchsichtiger Verstrickungen, die später zu seiner Verhaftung führen werden.

Angesichts des brisanten Themas ist es bewundernswert, wie der Regisseur den Einsatz effekthascherischer Mittel über weite Strecken vermeidet. Lediglich das Ende des Films rutscht etwas zu sehr ins Melodramatische ab. Die Inszenierung des Protagonisten als Held, der das System Guantanamo "besiegt" hat, wirkt irritierend. Immerhin stehen dem jungen Mann weitere drei Jahre Haft bevor. Erst danach wird er aufgrund fehlender Beweise entlassen. Auch der vor dem Abspann eingefügten Videoausschnitte, die den realen Murat Kurnaz bei seinem Auftritt im Fernseh-Talk "Beckmann" und vor einem Untersuchungsausschuss zeigen, hätte es nicht bedurft. Emotional aufrütteln muss Schaller den Zuschauer an dieser Stelle nicht. Schließlich stehen die vorangegangenen 90 Minuten als mahnende Anklage für sich.

Fazit: Stefan Schaller ist mit "Fünf Jahre Leben" ein intensiv gespielter und schonungslos inszenierter Blick hinter die Kulissen des Unrechtsystems Guantanamo gelungen, der bis auf wenige Ausnahmen melodramatische Ausschmückungen vermeidet und dem Zuschauer am Beispiel Murat Kurnaz‘ die Pervertierung westlicher Werte vor Augen führt.




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