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Kritik: Alphabet (2011)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

"Alphabet" bildet den Abschluss einer Trilogie von Dokumentarfilmen des Österreichers Erwin Wagenhofer zu aktuellen Missständen in der Welt. Zuerst zeigte "We Feed the World – Essen Global" die grotesken Exzesse einer globalisierten Nahrungsmittelindustrie. Darauf folgte "Let´s Make Money", eine unerbittlichen Analyse der Auslöser der weltweiten Krise der Finanzwirtschaft. Der Ausgangspunkt für "Alphabet" war Wagenhofers Frage nach den Gründen für eine verdrehte Geisteshaltung, welche die wahre Ursache für alle weiteren Fehlentwicklungen ist. Dies brachte ihn auf das Thema Bildung. Wenn bereits Kinder ihre Mitschüler nur als Konkurrenten wahrnehmen, ist es kein Wunder, wenn daraus eine Gesellschaft hervorgeht, in der es oftmals am Willen zur Kooperation mangelt. Vielleicht noch schwerwiegender ist, dass alle Schüler nach den gleichen, rein quantitativen Maßstäben beurteilt werden. Viele Talente bleiben somit unentdeckt, werden folglich nicht gefördert und verkümmern mit der Zeit. Der Bildungsexperte Sir Ken Robinson berichtet von einer Studie zu "unangepasstem Denken". Hierbei erreichten 98% Prozent aller 3-5 Jährigen ein Niveau, das als "genial" festgelegt wurde. Dieses Niveau wurde mit zunehmenden Alter von immer weniger Schülern erreicht. Bei einer Vergleichsgruppe von mindestens 25 Jährigen erreichten es sogar nur noch 2%. Sir Ken Robinson sieht hier die Folge eines Denkens das davon ausgeht, dass es zu jeder Frage nur genau eine richtige Antwort gibt, und das jede Form von Kreativität abtötet.

Wagenhöfer übertreibt es mit seinem missionarischem Eifer aber spätestens, wenn er das Ergebnis der von Sir Ken Ronbinson beschriebenen Studie mit der Aussage "98% aller Kinder kommen hochbegabt zur Welt. Nach der Schule sind es nur noch 2%." wiedergibt. Das ist reine Polemik, denn eine intellektuelle Hochbegabung bezeichnet per Definition ein Ergebnis, dass nur von den besten 2% einer repräsentativen Gruppe erreicht wird. Wenn in dieser Studie ein bestimmtes Niveau an kreativen Denken, das anfangs von 98% aller Kinder erreicht wird, als "genial" bezeichnet" wurde, dann hat dies also nichts mit den Begriffen "Hochbegabung" oder "Genialität" in ihrer gebrächlichen Bedeutung zu tun. Mit solchen suggestiven Aussagen mindert Wagenhöfer leider ein wenig den Wert, der von ihm aufgefundenen zahlreichen sehr interessanten und inspirierenden Beispiele dafür, wie man die individuellen Begabungen eines Kindes besser fördern kann. Pablo Pineda Ferrer ist sich jedenfalls sehr bewusst darüber, dass er es schwerer, als Menschen ohne Down-Syndrom hat. Doch diesen Kampf begreift er als seine persönliche Herausforderung, die ihm auch eine besondere Freude ermöglicht, wenn er es wieder einmal geschafft hat.

Fazit: Wagenhofers Dokumentarfilm "Alphabet" zeigt auf überzeugende Weise, dass die Bildung weltweit zu sehr auf standardisierte Ausbildungsziele setzt und dass dabei die Entfaltung individueller Fähigkeiten und Kreativität zu kurz kommen. Er zeigt sehr interessante Alternativen, setzt dabei jedoch zu oft auf eine starke Polemik, wodurch der positive Gesamteindruck ein wenig geschmälert wird.





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