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Kritik: 17 Mädchen (2011)


17 Mädchen-Kritik "17 Mädchen" ist der erste Film der französischen Schwestern Delphine und Muriel Coulin, die mit ihrer Tragikömodie die wahre Geschichte von 17 Mädchen aufgreifen, die beschließen, alle gemeinsam schwanger zu werden. Die Begebenheit trug sich im Frühjahr 2008 im amerikanischen Massachusetts zu. Die Coulin-Schwestern verlagerten den Handlungsort ihres Films in eine kleine französische Hafenstadt am Atlantik und wählten ihre weiblichen Hauptdarsteller aus über 600 Bewerberinnen aus, teils Schauspielerinnen, teils Laien. "17 Mädchen" rückt die Suche nach Identität und das Streben nach Selbstständigkeit und Eigenverantwortung von Heranwachsanden ins Zentrum und erzählt auf berührende aber auch witzige Weise von dieser wahren Geschichte. Zu Recht war "17 Mädchen" einer der großen Überraschungserfolge bei den Filmfestspielen in Cannes 2011.

Lorient ist ein kleines, verschlafenes Küstenstädtchen in der Bretagne, in dem nicht viel los ist. Das Leben dort wird von den meisten Jugendlichen als langweilig und öde wahrgenommen. Hier lebt die 16-jährige Camille, die mit ihren Freundinnen ein Gymnasium in der Stadt besucht. Mit der Ruhe und Beschaulichkeit in der Stadt ist es jedoch bald vorbei: Nachdem Camille versehentlich schwanger geworden ist, beschließen ihre Freundinnen, ebenfalls schwanger zu werden. Die Mädchen sehnen sich nach Unabhängigkeit und einer eigenen Familie und sind der Überzeugung, ihre Kinder einmal besser zu erziehen, als es ihre eigenen Eltern taten. Bald schnellt die Zahl der Schwangeren an der Schule nach oben und Eltern sowie Lehrer stehen dem – in ihren Augen – unüberlegten und pubertären Handeln der Teenager hilflos gegenüber. Diese bemerken bald selbst, was es heißt, schwanger zu sein und dass der Wunsch nach Freiheit und Eigenständigkeit auch Ängste, Verantwortung und Zweifel mit sich bringt.

Einfühlsam und in ruhiger Erzählweise schildern die Coulin-Schwestern die Träume und Wünsche der jungen Frauen, die sich nach einem unabhängigen und eigenverantwortlichen Leben sehnen. Die Teenager empfinden das eintönige und monotone Dasein in ihrer kleinen Küstenstadt und das Zusammenleben mit den Eltern als viel zu enges Korsett aus Verboten und Vorschriften und würden alles dafür tun, um es endlich abzulegen. Aus diesem Grund beschließen sie ihr gemeinschaftliches Vorhaben, dass jedes der Mädchen ein Baby bekommen soll. Die Motivation der Mädchen für dieses Vorhaben mag für den Zuschauer vielleicht nicht immer ganz schlüssig und nachvollziehbar erscheinen. Delphine und Muriel Coulin versuchen jedoch in vielen Szenen, die die Teenager bei Gesprächen zu ihrem kuriosen Vorhaben zeigen, die Beweggründe deutlich zu machen. Lauscht man als Zuschauer den – mal nachdenklichen, mal extrem heiteren – Unterhaltungen der Mädchen, erstaunt es schon manchmal, wie naiv und übermütig sich die Mädchen in ihr "Projekt" stürzen, ohne die Konsequenzen zu durchdenken. Gleichzeitig aber ist man angetan und positiv berührt von ihrem unbedingten Willen, sich ihre eigenen kleinen Familien zu schaffen und auch selbst mehr Liebe zu erfahren. "Mit einem Baby hätte ich wenigstens das Gefühl, eine Familie zu haben und bedingungslos geliebt zu werden", sagt Camille, die erste der 17 schwangeren Mädchen.

Einen Schwerpunkt legt "17 Mädchen" auf das Zusammenprallen der unterschiedlichen Vorstellungen und Normen der Mädchen und ihrer Eltern. Es treffen Welten aufeinander, wenn sich die nach Autonomie strebenden Mädchen zu Hause mit den Eltern über unaufgeräumte Zimmer streiten oder es in der Schule mit konservativen, hilflosen Lehrkräften zu tun bekommen, die sich das Verhalten ihrer Schülerinnen nicht erklären können. Dabei spart "17 Mädchen" aber auch die Unsicherheiten und Nöte nicht aus, die in manch einem der Mädchen nach positivem Schwangerschaftstest doch aufkommt. Die Kamera folgt ihnen dann bis in ihre Zimmer, in denen sie mit ihren Gedanken alleine sind und feststellen müssen, dass eine Schwangerschaft auch mit erheblichen Risiken und Sorgen verbunden ist. Hier stimmt "17 Mädchen" nachdenkliche Töne an, die visuell in langen Einstellungen eingefangen werden und so auf den Zuschauer übergehen. Die Bilder von den Mädchen, wie sie gedankenverloren auf ihren Betten liegen und die melancholischen Aufnahmen von der Atlantikküste, untermauern diese ernste, leicht bedrückende Note, die "17 Mädchen" dann versprüht. Dem Film gelingt jedoch der Spagat zwischen eben jenen wehmütigen Augenblicken und den heiteren Momenten spielend, da er seine Protagonistinnen und deren Unterfangen immer auch mit einem Augenzwinkern betrachtet und ihnen in heiteren Szenen durch den langen Weg der Schwangerschaft folgt. Und so darf man die Mädchen eben nicht nur bei ihren Gesprächen belauschen sondern wird auch Zeuge der ersten Ultraschall-Untersuchung und ist dabei, wenn die Jung-Schwangeren ihre Wassergymnastik-Übungen mit Bravour meistern. Auf diese Weise teilt der Zuschauer jegliche Träume, Ängste und Gefahren aber auch das Glück der Mädchen von Beginn an und während der Schwangerschaft.

Fazit: "17 Mädchen" schildert auf sensible und humorvolle Weise die wahre Begebenheit einer Gruppe junger Mädchen, die für ihren Wunsch nach Freiheit und Unabhängigkeit ein kurioses Vorhaben in die Tat umsetzt. Heraus kommt eine faszinierende, tragikomische Fabel über das Erwachsenwerden, die auch nachdenkliche Töne nicht ausspart.




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