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Sightseers
Sightseers
© MFA+ FilmDistribution e.K.

Kritik: Sightseers (2012)


Von mordlustigen Pärchen, die sich auf blutige Odysseen begeben, wird man in der amerikanischen Kinolandschaft seit geraumer Zeit unterhalten. Arthur Penns „Bonnie und Clyde“, Anstoß der „New Hollywood“ Ära und der Gegenentwurf zum klassischen Hollywoodstreifen, sollte in seiner nebulösen Liebesgeschichte mit überbohrender Gewalt, maßloser Überzeichnung, Grenzvermengung von Gut und Böse und anarchischer Gesellschaftskritik zuvor Gesehenes über den Haufen werfen, wie es auch später Oliver Stones „Natural Born Killers“ tat – ein von Quentin Tarantino geschriebene Mediensatire im Stile des 90er Jahre Kinos. Eine ganz klar auf den amerikanischen Markt zugeschnittenes Subgenre? Viel Blei, Outlaw-Mentalität und der schiere Wahnsinn? Eigentlich auch Zutaten, die das englische Kino ausmachen könnte. Doch aus dieser Richtung hat das Publikum noch nicht viel von der Insel gehört, wo doch zu mindestens der schwarze Humor auf dem felsigen und von Wasser umgebenen Land geboren wurde. Sagt man jedenfalls. War es also nur eine Frage der Zeit bis endlich auch ein Engländer, wie zum Beispiel der als Shootingstar gehandelte Ben Wheatley auf die Idee kam, mordende Pärchen zwischen Trekkingtouren, Plüschtieren und Wohnwagen-Nostalgie zu platzieren oder passt es eher in das Konzept eines aufsteigenden Filmemachers, der bereits mit „Kill List“ und dem hier recht unbekannten „Down Terrace“ für Aufsehen sorgte, weil er das gesellschaftliche Verhalten ätzend schwarz analysierte und es nun mit Hilfe von „Sightseers“ weiterführt?
Es ist wohl eine Mischung aus beiden, die dem Publikum eine zynische, versteckt gesellschaftskritische Komödie an den Kopf wirft, die bei all dem lakonisch trockenen Humor vor allem ein seltsam verwobenes Psychogramm zweiter Hauptcharaktere entwirft, die aus lauter Alltagsspießigkeit und einer verkrusteten „Working-Class-Hero“ Mentalität heraus, Menschen ermorden, die in irgendeiner Form Unrecht getan haben. Vielleicht ist es auch die Motivation aus der drögen Landschaft heraus, die in all ihrer Einsamkeit zu Gewalttaten einlädt. Schluchten gibt es jedenfalls genug, tief kann man fallen, wie es die Figuren schlussendlich auch tun. Moralisch, zwischenmenschlich, psychisch, wie psychisch. Auch wenn Wheatley seine Charakteristik nicht ganz ausreift und manchmal an den Problemen grober Beliebigkeit in der Intension zu nagen hat, bleibt sein Werk unbedingt zu empfehlen, weil es Road-Motive-Elemente und eine schräge Liebesgeschichte mit einer verquer verstörenden Brutalität zu einem absurd-schwarzen Vergnügen der kompromisslosen Sorte vermengt und dabei im Gedächtnis bleibt, weil viele der überzogenen Elemente gar nicht mal so abwegig sind. Wheatley schreit in Abgründe gesellschaftlicher Verhältnisse und es hallt makaber blutig zurück.

Jeder kennt solche Situationen. Eine fremde Person treibt uns zur Weißglut. Dass kann im Straßenverkehr sein, wie es Clive Owen in „Shoot'em Up“ widerfuhr, als ein Mitmensch nicht nur andere Autos nötigte, sondern auch nicht in der Lage war zu blinke. Dass kann aber auch so kleinlich sein, wie das Wegschmeißen von Müll mitten vor den Augen von Kindern, wie es Chris in „Sightseers“ passiert. Ob Regisseur Wheatley mit all den Untaten gesellschaftskritische Bezüge aufbauen will, ist dahingestellt, doch zeigen sie, zu was Kino in der Lage ist. Jeder kennt diese explosive Gefühlsmischung, die durch den Körper strömt und danach schreit auf der Stelle Selbstjustiz auszuüben. Der Film kann eine solche Gefühlsregung ausleben. Clive Owen verpasste dem unliebsamen Autofahrer einen Tritt, Michael Douglas zerlegte eine ganze Kleinstadt in „Falling Down“ und der nette Chris rast mal eben mit seinem Wohnmobil aus der Parklücke heraus. In dieser Hinsicht bedient Wheatley eine Regung im Zuschauer, wie er klar stellt, was für ein voyeuristisches Verlangen wir nach alttestamentarischer Rechtssprechung haben. Wir stehen auf Chris‘ Seite, der seinen ersten Mordfall wie ein Unfall aussehen lässt. Doch nach seinem diabolischen Blick zu urteilen, den er seinem Opfer zuwirft, während einer seine konstatierte Freundin im Arm hält, sagt alles über diese Situation aus. Hält man dem Zuschauer nun ein Spiegel vor das Gesicht. Der hämische Blick zeichnet sich auch hier ab.
Doch Wheatley ist um Gerechtigkeit oder Pseudo-Moral nicht bemüht, sondern setzt auf das karitativer Überzeichnen seiner Figuren bis zu grotesken Phantasieerscheinungen. Das Publikum kann damit seine Probleme bekommen, so sind doch beide Protagonisten keine Sympathieträger. Dennoch ist es ihm um Realismus wichtig, wodurch seine Landschaftsaufnahmen der trockenen Felsumgebung der englischen Prärie in einem widerspenstigen Kontrast stehen zu den albern-ausufernden Brutalitäten zwischen „ganz normalen Leuten“. „Sightseers“ entfernt sich also nie von dem Boden auf den er steht und verwandelt sich nie in ein surreales Märchen voller Mord, Blut und Gewalt, sondern behält sich das gesellschaftskritische Recht vor mit dem er im Stile des alten Testaments auf Mordtour geht. Es sind nicht unbedingt die Todsünden, die die zwei verrückten Trekkingtouristen bestrafen, doch ist es ein Leichtes die Attribute wie Maßlosigkeit, Habsucht, Trägheit, Zorn, Hochmut, Wollust und Neid bei Täter, wie Opfer zu erkennen.

Fazit Schön, wie „The Power Of Love“, zynisch erklingt der Popsong im Abspann, ihre Wirkung auch auf den „Whitetrash“ Englands hat. Dann mag „Sightseers“ als eine Liebe zwischen zwei Working-Class-Heros gesehen werden, doch ist es nicht zu bestreiten, dass vieles in Ben Wheatleys Werk reine Spekulation ist. Vage bleiben die Ansätze, bereiten aber eine Menge Spaß.





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