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Kritik: Mr. Collins' zweiter Frühling (2012)


"Ich fand die Methoden blinder Menschen, ihren Weg in der Welt zu finden, poetisch und gleichzeitig absolut filmreif", schreibt der polnische Regisseur und Drehbuchautor Andrzej Jakimowski im Presseheft. Dem Titel entsprechend schildert sein bezaubernder Spielfilm "Imagine", wie sich Blinde mit Hilfe ihrer Sinne und Vorstellungskraft ein Bild von der Welt um sie herum machen. Indem Jakimowski das Medium der Sehenden benutzt, führt er diesem Publikum vor, dass die Augen dem Kino auch nur als Tor zu einer viel größeren Welt dienen: derjenigen der inneren Bilder.

Um die Hauptfigur Ian gruppieren sich mehrere Themen: Zum einen ist da die spannende Faktenebene, die die unorthodoxe und dennoch von vielen Blinden praktizierte Orientierungsmethode der Echoortung behandelt. Der britische Hauptdarsteller Edward Hogg wurde von einem Blinden für den Film trainiert, mit dem Klappern seiner Schuhe, dem Fingerschnippen und Zungenschnalzen im Raum stehende Objekte zu lokalisieren. So kann er ohne Stock herumgehen und stößt nicht an Hindernisse.

Ein zweites Thema des Films ist die erhöhte Sensibilität und Unsicherheit Blinder, denen das eigene Handicap von Sehenden oft noch größer geredet wird, als es womöglich sein müsste. Ians Umgang mit den Schülern – die von Blinden gespielt werden - zeigt so bewegend wie realitätsnah, wie riskant jeder Schritt ins Ungewohnte ist: Sich zu öffnen und den eigenen Spielraum zu erweitern, bedeutet ja auch, Irrtümer in Kauf zu nehmen. Und ein solches Wagnis wird dann, vor allem wenn es scheitert, leicht als Selbstüberschätzung verurteilt. Ian wirkt entschlossen wie ein Revolutionär, er geht seinen Schülern voran, indem er sich ganz und ungeschützt in den Ring wirft.

Das dritte Thema des Films ist die romantische Beziehung zwischen Ian und Eva, einer ähnlich talentierten und lebenshungrigen Person. Ihre zarten Gefühle füreinander tragen die ganze Geschichte wie auf Flügeln der Hoffnung. Eva beginnt innerlich ganz neu zu sehen, und doch besteht die Unsicherheit, ob sie von Ian nicht nur dazu verleitet wurde, an ein Hirngespinst zu glauben. Obwohl es auch pittoreske Aufnahmen aus den Straßen Lissabons gibt, verweilt die Kamera oft auf dem Gesicht von Ian, wenn er das beschreibt, was er vor sich glaubt. Dann fährt er seine innere Antenne aus, ein optimistisches, genießerisches kleines Lächeln, und erspürt die Umwelt mit Haut und Haar: Die Welt gehört den Blinden nicht minder als den Sehenden. Zart und zugleich betörend intensiv entfaltet der Film seine auch an die Zuschauer selbst gerichtete Botschaft, das Wagnis unerschlossener Pfade einzugehen.

Fazit: "Imagine" ist ein zartes, aber gleichzeitig betörend intensives Drama um einen blinden Lehrer, der seinen Schüler beibringt, mit dem Gehör, der Empfindung und der Vorstellungskraft zu erkennen, was andere Leute sehen – und manchmal sogar mehr.




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