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Kritik: Night Moves (2013)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Wer glaubt, der Öko-Thriller "Night Moves" (wohl eine gewollte Anspielung auf den gleichnamigen Neo-Noir von Arthur Penn aus dem Jahr 1975) habe unzählige Wendungen und handfeste Actionmomente zu bieten, nur weil er von einem aus dem Ruder laufenden Terroranschlag erzählt, ist schief gewickelt. Independent-Regisseurin Kelly Reichardt, die sich mit unkonventionellen Arbeiten wie "Wendy und Lucy" oder "Meek's Cutoff" zumindest in den Staaten einen Namen gemacht hat, interessiert sich keineswegs für das offensichtliche Spannungspotenzial ihres fünften Spielfilms (das Drehbuch verfasste sie gemeinsam mit ihrem langjährigen Vertrauten Jonathan Raymond). Stattdessen setzt die US-Amerikanerin, wie in früheren Werken auch, auf eine nüchtern-bedächtige, aber äußerst präzise Beobachtung ihrer Hauptfiguren und des Umfeldes, in dem sie sich bewegen.

Viel erfährt der Zuschauer nicht über die drei Umweltaktivisten, die sich mit der Sprengung eines hydroelektrischen Staudammes gegen die stetig voranschreitende Zerstörung der Natur auflehnen und die Gesellschaft so zum Umdenken bewegen wollen. Josh (Jesse Eisenberg), das unergründlich brütende Zentrum des Films, ist ein schweigsamer Idealist, der auf einem Selbstversorgerhof lebt und sich merklich schwer tut im Umgang mit seinen Mitmenschen. Befreundet ist er mit der engagierten, aber etwas naiven Dena (Dakota Fanning), die aus reichem Hause stammt und ihrer ersten großen Protestaktion regelrecht entgegenfiebert. Dritter im Bunde ist der Ex-Marine Harmon (Peter Sarsgaard), ein Sprengstoffexperte, der bereits einige Zeit im Gefängnis verbracht hat.

Geduldig und mit einem Blick für scheinbar nebensächliche Details widmet sich Reichardt den akribischen Vorbereitungen des verbissenen Triumvirats und lässt dabei immer wieder Irritationen aufscheinen, unterwandert die Erwartungen des Zuschauers aber konsequent. So wird etwa eine sexuelle Beziehung zwischen Dena und Harmon angedeutet. Ebenso Joshs mögliche Eifersucht, doch zu einer Auseinandersetzung darüber kommt es nicht. Erstaunlicherweise versetzen die zurückhaltend gefilmten Planungen den Betrachter dennoch in wachsende Alarmbereitschaft. Irgendetwas muss passieren, schließlich zeigen sich auch die drei Protagonisten zunehmend angespannter.

Der Punkt, an dem "Night Moves" ins Dramatische kippt, wird erneut aus den üblichen Genre-Mustern herausgelöst. Was genau bei der Durchführung des Anschlags schiefläuft, sehen die Figuren und der Zuschauer nicht, sondern bekommen es lediglich über den Dialog nachgeliefert. Anstatt sich dem Exzess hinzugeben und das Publikum mit billiger Effekthascherei zu umschmeicheln, bleibt die Regisseurin ihrer Ausrichtung weiterhin treu. Ohne das Handeln der Protagonisten voreilig zu verurteilen, fokussiert sie sich ganz auf die direkten Veränderungen, die die tragisch endende Tat in Gang setzt. Dreh- und Angelpunkt des nun vonstattengehenden Psychodramas ist der lange Zeit undurchsichtige Josh, der, hin- und hergerissen zwischen Schuldgefühlen und der Sorge aufzufliegen, handfeste paranoide Ängste entwickelt. Ähnlich wie zuvor blickt der Film dem jungen Umweltaktivisten hier nur selten direkt in den Kopf (eindeutig subjektiv markiert sind allerdings die vereinzelt eingestreuten Zeitlupenaufnahmen), sondern vermittelt seine Überhand nehmende Verunsicherung vor allem durch misstrauische Blicke und kleine Gesten.

Josh selbst (aber auch das Publikum) steht plötzlich vor der Frage, ob er mit seinem Handeln nicht doch jegliche Grenzen überschritten hat? Ob der Kampf für die Umwelt wirklich alle Mittel heiligt? Und inwiefern die Sprengung des Staudamms, das Zeichen, das er und seine Mitstreiter unbedingt setzen wollten, überhaupt Einfluss auf die Gesellschaft nehmen kann? Klare Antworten liefert "Night Moves" nicht. Dafür aber eine am Ende etwas abrupt herbeigeführte Eskalation, die vor allem deshalb negativ aufstößt, weil Dena und Harmon allzu sehr in den Hintergrund geraten. Wie sie die Tragödie verarbeiten, wird leider nur angerissen, obwohl auch hier ein etwas genauerer Blick interessant gewesen wäre.

Fazit: Dass sich eine unheilvolle Spannung auch ohne ständige Twists und effekthascherische Mittel erzeugen lässt, beweist die Independent-Regisseurin Kelly Reichardt mit ihrem bedächtig erzählten Öko-Thriller-Drama "Night Moves", das erst zum Ende hin etwas Federn lässt.




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