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Kritik: Die Vorsehung (2014)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 3 / 5

Ein Blick in das Presseheft des Films lässt aufhorchen, da hier neben den üblichen Werbephrasen auch von den Problemen des Projekts zu lesen ist. Schon vor 15 Jahren geisterte die ursprüngliche Version des Drehbuchs über diverse Produzententische. Neufassungen wurden in Auftrag gegeben. Und zwischenzeitlich war "Die Vorsehung" sogar als Sequel zu David Finchers Genremeilenstein "Sieben" angedacht. Einen Schritt voran kamen die Macher jedoch erst, als Schauspielschwergewicht Anthony Hopkins sein Interesse an der Hauptrolle bekundete und sich fortan in den Produktionsprozess einbrachte. Eine turbulente Entwicklungszeit, die schlimme Befürchtungen nährte, sich am Ende aber nicht als tödlich erweist. Wer über den alles andere als glaubwürdigen Handlungsverlauf und einige allzu oft bemühte Inszenierungsmätzchen hinwegsehen kann, wird von der fantastisch aufgeladenen Serienkillermär halbwegs passabel unterhalten.

Die Ausgangslage könnte dabei klassischer nicht sein: Ein mysteriöse Mordserie nach rituellem Muster bereitet den ermittelnden Beamten Kopfzerbrechen, weshalb sie die Hilfe eines zunächst abweisenden Experten suchen. Erinnerungen an Jonathan Demmes wirkmächtige Romanadaption "Das Schweigen der Lämmer" werden nicht nur deshalb wach, weil Hannibal-Lecter-Darsteller Anthony Hopkins erneut als charismatischer Seelenklempner in Erscheinung tritt. Auch die anfangs angespannte Beziehung zwischen Dr. Clancy und der ehrgeizigen Ermittlerin Katherine Cowles (Abbie Cornish) lässt an die berühmten Begegnungen zwischen Lecter und Polizeinovizin Clarice Starling denken. Während Clancys alter Freund Merriwether (Jeffrey Dean Morgan) auf die hellseherischen Fähigkeiten des verbitterten Analytikers vertraut und ihn als letzte Rettung sieht, steht die rationale Katherine seiner seltsamen Gabe mehr als skeptisch gegenüber. Ein Konflikt, den das Drehbuch sicher noch etwas sorgsamer hätte ausarbeiten können.

Anders als "Das Schweigen der Lämmer", der zahlreiche einprägsame Gesprächssituationen zu bieten hat, lebt "Die Vorsehung" zumeist von reißerischen Wendungen und erzählerischen Täuschungsmanövern. Was den Mysterythriller von konventionellen Serienkillerfilmen unterscheidet, sind die ständig eingewobenen, blitzlichtartigen Einblicke in die Vergangenheit und die Zukunft anderer Menschen. Immer wieder wird der Psychologe, vor allem nach Berührungen, von Visionen durchzuckt, die ihn dem Täter ein Stückchen näherbringen. Optisch fährt der frühere Werbespotregisseur Afonso Poyart ("2 Coelhos") in seinem internationalen Spielfilmdebüt allerhand Effekte auf, um den Zuschauer an der Gedankenwelt seines Protagonisten teilhaben zu lassen. Zeitlupenaufnahmen, rasant geschnittene Passagen und stilisierte Bilder werten das an sich konventionelle Ermittlungstreiben auf, prasseln leider aber auch bis zur Ermüdung auf den Betrachter ein. Überstrapaziert werden zudem die Momente, in denen sich das Gezeigte nachträglich als ein Vorausblick Clancys entpuppt.

Reizvoll ist in jedem Fall die Figur des Täters, den der bereits auf dem Kinoplakat präsente Colin Farrell verkörpert. Ähnlich wie in der düsteren Genreparabel "Sieben" geht der Killer irgendwann in die Offensive und sucht den Kontakt zu seinen Jägern, was zu einer recht eindringlichen Konfrontation mit Dr. Clancy führt, der schon vorher erkannt hat, dass der Gesuchte ebenfalls über eine hellseherische Begabung verfügen muss. Das Motiv, das der vorausschauende Charles Ambrose für sein Handeln vorbringt, wirft ethisch-moralische Fragen auf, die auch deshalb spannend sind, weil sie direkt mit der tragischen Vergangenheit der Hauptfigur zusammenhängen. Tiefschürfende Erkenntnisse sollte man jedoch nicht erwarten, da Drehbuch und Regie weitaus mehr an einer oberflächlichen Handlungszuspitzung und knackigen Effekten interessiert sind. Vor allem in der zweiten Hälfte nimmt der Film einige krude Wendungen und bereitet damit einen Showdown vor, der etwas wirr zwischen Realität und Visionen hin- und herspringt, dabei aber eine ordentliche Sogwirkung entfaltet.

Fazit: Anthony Hopkins jagt als hellseherischer Psychologe einen von Colin Farrell gespielten Serienkiller, der ebenfalls in die Zukunft schauen kann. "Die Vorsehung" bietet solide Thriller-Kost mit übernatürlichen Einschlägen, erfindet das Genre gewiss nicht neu, ist unter dem Strich aber packender als manch ein "Sieben"- oder "Schweigen der Lämmer"-Verschnitt, der in den 90er Jahren das Licht der Welt erblickte.





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