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Der Geschmack von Rost und Knochen - Hauptplakat
Der Geschmack von Rost und Knochen - Hauptplakat
© Central Film © Wild Bunch

Kritik: Der Geschmack von Rost und Knochen (2011)


"Der Geschmack von Rost und Knochen" ist ein beeindruckender Film über zwei Menschen, die ihren Weg zurück ins Leben finden müssen. Dabei gelingt Regisseur Jacques Audiard nach "Un prophète" abermals eine eindrucksvolle Charakterstudie, die kraftvoll und kompromisslos erzählt ist.

Der Film beginnt mit Ali (Matthias Schoenarts), der sich ohne Geld mit seinem Sohn Sam auf den Weg nach Süden macht und bei seiner Schwester vorerst eine Unterkunft findet. Über seine Vergangenheit ist wenig zu erfahren. Einst war er ein Box-Talent, nun schlägt er sich irgendwie durch. Durch die Bilder im Fitness-Studio, beim Box-Training und bei Jobs wird vor allem deutlich, dass sich Ali gegen die Härten des Lebens gewappnet hat. Er lässt niemanden an sich heran, sondern belässt es bei oberflächlichen Bekanntschaften. Unter seiner ablehnenden und aufbrausenden Art leidet vor allem sein Sohn Sam, der von Mutter als Drogenkurier eingesetzt wurde und bei seinem Vater wenig Wärme und Aufmerksamkeit findet. Ali ist kein sympathischer Charakter, sondern ein schweigsamer Mann, der gelernt hat, den härtesten Schlägen auszuweichen.

Durch einen Zufall begegnet er Stéphanie (Marion Cotillard) noch vor ihrem Unfall. Im Gegensatz zu ihm scheint sie ihr Leben ebenso wie die Orca-Wale, die sie trainiert, unter Kontrolle zu haben. Mit einer Handbewegung bringt sie sie zum Springen – und ebenso genießt sie die Aufmerksamkeit, die ihr vom Publikum und Männern zuteil wird. Aber wie an dem Abend in der Disco, an dem sie Ali kennenlernte, verliert sie auch bei der Wal-Show die Kontrolle: Ein Wal springt auf das Podest, auf dem sie steht, und sie verliert ihre Beine. Daraufhin versinkt sie in eine Depression und begibt sich sehr langsam auf einen Weg zurück ins Leben.

Sehr lange bleibt die Handlung unvorhersehbar. Manchen Wendungen weicht der Film aus, andere kommen unerwartet und wirken wie ein Schlag in die Magengrube – doch man lässt sich gerne auf diese mitleidlose und unglaublich berührende Geschichte ein. Sie überzeugt mit fantastischen Bildern, einem makellosen und hervorragend eingesetzen Score von Alexandre Desplat und großartigen Hauptdarstellern. Stéphanies Verlorenheit ist in dem Gesicht von Marion Cotillard abzulesen, sie schafft es, mit einem Blick und einer Bewegung sehr tiefe Traurigkeit auszudrücken. Dabei wird ihr Charakter – wenngleich er im Drehbuch weniger vielschichtig angelegt ist als Alis – von Jacques Audiard bemerkenswert inszeniert. Allein die Bilderabfolge, die sie im Bett liegend zeigen, lassen ihre Hoffnungslosigkeit erkennen. Wenn sie später im Rollstuhl auf dem Balkon sitzt und zu Katy Perrys "Fireworks" die Bewegungen vollführt, mit denen sie einst die Wale trainierte, berührt diese Erinnerung an eine vergangene Zeit zutiefst. Oder wenn sie mit ihren Prothesen am Becken mit den Walen steht und einen Orca mit den vertrauten Handbewegungen dirigiert, ist dieses Bild von außerordentlicher Schönheit.

Gegen die Emotionalität von Marion Cotillards Stéphanie setzt Matthias Schoenarts ("Bullhead") reduzierte Mimik und expressive Körperlichkeit, mit der er Alis Aggressivität, Gleichgültigkeit und tiefe Verzweiflung spürbar werden lässt. Dabei teilt man beim Zusehen die Schmerzen, die er im Boxkampf oder auf einem eisigen See erleidet. Es gelingt ihm, diese schwierige, nicht unbedingt sympathische Figur dem Zuschauer sehr nahe zu bringen. Und dadurch behält man die leise Hoffnung, dass das Leben für diese beiden verwundeten Menschen doch noch etwas Gutes bereithält. Vielleicht irgendwann.

Fazit: "Der Geschmack von Rost und Knochen" ist ein bemerkenswert gutes Charakterporträt mit hervorragenden Schauspielern und einer großartigen Bildsprache. Ein intensiver Film.





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