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The Deep Blue Sea
The Deep Blue Sea
© Music Box Films

Kritik: The Deep Blue Sea (2011)


Mit "The Deep Blue Sea" kehrt der aus Liverpool stammende Drehbuchautor und Autorenfilmer Terence Davies auf die Kinoleinwand zurück. Es ist sein erster Spielfilm seit seinem gefeierten, starbesetzten Drama "Haus Bellomont" aus dem Jahr 2000, der Verfilmung eines Romans von Edith Wharton. Davies bleibt hier ("The Deep Blue Sea" ist erst sein fünfter Film seit 1988) seinem Faible für intensive Melodramen, die sich den seelischen und emotionalen Konflikten ihrer Hauptfigur widmen, treu. Und erneut lieferte ein Literaturklassiker die Vorlage. "The Deep Blue Sea" basiert auf dem gleichnamigen, 1952 uraufgeführten Bühnenstück des britischen Dramatikers Terence Rattigan und wurde 1954 mit Vivian Leigh in der Hauptrolle zum ersten Mal fürs Kino adaptiert. Davies gelingt mit seiner Version eine stilvoll ausgestattete, großartig besetzte Studie über die Angst vor der Einsamkeit und das Verlangen nach Liebe und Leidenschaft. Wie schon in "Haus Bellomont" gelingt ihm eine überzeugende, für den Zuschauer allerdings nicht immer ganz einfache Verschmelzung von historischer Genauigkeit, prachtvoller Ausstattung und einer Story um eine komplexe, vielschichtige Hauptfigur.

Die Hauptrolle besetzte Davies mit der Oscar- und Golden Globe-Preisträgerin Rachel Weisz, die hier zur wahrer Höchstform aufläuft und den Film alleine aufgrund ihrer Performance empfehlenswert macht. Seit Regisseur Davies sie in der Tragikomödie "Amy Foster – Im Meer der Gefühle" von 1997 sah, war er von der Idee angetan, mit Weisz gemeinsam einen Film zu drehen. Dies ist ihm im vergangenen Jahr mit "The Deep Blue Sea" gelungen, der nun mit einjähriger Verspätung in den deutschen Kinos startet.

Im Zentrum des Films steht Hester Collyer (Rachel Weisz), die zur englischen Oberklasse gehört und ein Leben voller Privilegien an der Seite ihres wohlhabenden Mannes, Anwalt Sir William Collyer (Simon Russell Beale), genießen könnte. Die Ehe bietet ihr finanzielle Sicherheit und ein der Gefühl der Geborgenheit, dennoch vermisst Hester Leidenschaft und Lust in der Ehe. Alles ändert sich, als sie den Piloten Freddie Page (Tom Hiddleston) kennenlernt und sich in ihn verliebt. Hester gibt ihr komplettes Leben auf und beginnt eine Beziehung mit Freddie in der Hoffnung, bedingungslose Liebe zu erfahren. Unter Alkoholeinfluss kommt es in der Beziehung jedoch immer häufiger zu Streit und Problemen, die unausweichlich scheinen. Hester muss erkennen, dass ihre Liebe nicht auf die gewünschte Art erwidert wird. Dann kehrt plötzlich William zurück und bietet ihr eine zweite Chance für ein gemeinsames Leben. Wie wird sich Hester entscheiden?

Vor allem zwei Dinge machen "The Deep Blue Sea" zu einem bemerkenswert stimmigen, ausgezeichneten Drama: da sind zum einen die stilvollen Kostüme und die meisterhafte Ausstattung des Films, die das Leben im Nachkriegs-London der 50er-Jahre für den Zuschauer erleb- und nachvollziehbar machen. Der Schauplatz ist das in weiten Teilen immer noch zerstörte London, das im Film nicht selten als erschreckend finsterer, dunkler Ort voller enger Gassen und unheimlicher Hinterhöfe erscheint. Das gesellschaftliche Leben und die Bevölkerung befinden sich in einer Zeit des Umbruchs, in der Armut und Zukunftsangst vorherrschend waren. Dies wird durch die fast beängstigende Atmosphäre des Handlungsortes sowie die beklemmenden, aber auch ästhetischen Bilder des deutschen Kameramanns Florian Hoffmeister ("Liegen lernen"), deutlich. Besonders hervorzuheben ist hier die kunstvoll gefilmte, leidenschaftliche Liebesszene zwischen Hester und Freddie zu Beginn des Films.
Der zweite entscheidende Grund, der den Film so sehenswert und außergewöhnlich macht, ist die umwerfende Hauptdarstellerin Rachel Weisz.Weisz verkörpert die attraktive, sich nach leidenschaftlicher Liebe sehnende Hester Collyer, die an der Seite ihres wohlhabenden Mannes zwar ein gut situiertes Leben ohne finanzielle Sorgen lebt, aber in der Beziehung die sexuelle Spannung vermisst. In der Hoffnung auf erfüllende Liebe und lustvolle Leidenschaft, verlässt sie schließlich ihren Mann für den jungen, draufgängerischen Freddie. Bald jedoch muss sie erkennen, dass auch der Ex-Bomberpilot nichts anderes als ein Kompromiss zu sein scheint, weil er Hesters bedingungslose Liebe nicht erwidern kann. An dieser Stelle wird die desillusionierende, unberechenbare Natur der Liebe deutlich, die man nicht beeinflussen kann. Hester steht sinnbildlich für die menschliche Angst vor Einsamkeit, Enttäuschung und unerfüllter Liebe. Weisz spielt Hester derart überzeugend, dass sie ihre nicht weniger stark agierenden Schauspielkollegen Simon Russell Beale und Tom Hiddleston an die Wand spielt. Außerdem hat auf der Leinwand schon lange niemand mehr so lasziv am Glimmstängel gezogen wie Weisz. Was man dem Film einzig vorwerfen kann ist das langsame, behäbige Erzähltempo, das ihn extrem lang und stellenweise zu ausgedehnt erscheinen lässt. Die 100 Minuten Spielzeit könnten manch einem daher gut und gerne fast doppelt so lange vorkommen. Hier passt sich Regisseur Davies aber auch nur der Vorlage von Rattigan an, das schlicht als ruhig und gemächlich erzähltes Stück konzipiert wurde.

Fazit: Eine herausragende Rachel Weisz und die umwerfende Ausstattung machen "The Deep Blue Sea" zu einem intensiven, stark bebilderten Drama, das aufgrund der langsamen Erzählweise aber auch Sitzfleisch, Ausdauer und Geduld vom Zuschauer einfordert.




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