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Die wilde Zeit - Hauptplakat
Die wilde Zeit - Hauptplakat
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Kritik: Die wilde Zeit (2012)


"Zwischen Himmel und Hölle ist nur das Leben, das das gebrechlichste Ding der Welt ist." Dieses Zitat von Blaise Pascal, das am Anfang des Films vorgelesen wird, könnte die Definition einer Jugend sein, die sich voll der Gegenwart verschrieben hat. Diese Jugend beschreibt der Regisseur Oliver Assayas ("Carlos – Der Schakal") mit stark autobiografischen Zügen in seinem neuen Film "Die Wilde Zeit".

Im französischen Original "Aprés Mai" tituliert, beginnt die Handlung nach dem ereignisreichen Pariser Mai 1968. Assayas zeichnet die Suche des jugendlichen Gilles‘ (Clément Métayer) nach seinem Weg inmitten politischer Aktionen, der ersten Liebe und künstlerischer Betätigung als Maler und Filmemacher. Mit einem Spektrum verschiedener Charaktere versucht Assayas die Diversität einer Generation zu beleuchten, die heutzutage gerne pauschal als die Achtundsechziger bezeichnet wird. Die Protagonisten beenden gemeinsam die Schule und gehen jeder ihre eigenen Wege. Während sich die Einen dem politischen Kampf widmen, zieht es die Anderen zu künstlerischen Betätigung hin. Dass beides in dieser Zeit eng miteinander verflochten war, wird in diesem Film klar.

Nach einer aus dem Ruder gelaufenen militanten Aktion müssen sich die Beteiligten die Frage stellen, inwieweit Gewalt gegen Sachen und Menschen zu legitimieren ist. Eine eindeutige Beantwortung wird naturgemäß nicht gegeben. Es sind vielmehr die individuellen Charaktere, die sich dieser moralischen Frage stellen oder sie völlig ausblenden. Neue Lebensentwürfe werden ausprobiert, sei es in einer Hippiekommune mit exzessiver Drogenerfahrung oder als Teil eines syndikalistischen Kamerateams, das sich mit dem Drehen von Dokumentationen der Befreiung des Proletariats verschrieben hat.

Einige dogmatische Grundsatzdiskussionen muten heutzutage etwas befremdlich an, zeigen aber realistisch die Gegebenheiten der damaligen Zeit. Einer Zeit, in der Neues probiert, aber auch vieles ideologisiert wurde. Und so muss sich Gilles auch schon mal rechtfertigen, als er auf das Buch Simon Leys "Maos neue Kleider: Hinter den Kulissen der Weltmacht China" verweist, in dem erstmals der Wahnsinn der chinesischen Kulturrevolution von Seiten der Ultralinken angegriffen wird.

Assayas gelingt es in seinem Film, diese wilde Zeit greifbar zu machen und sie einer jüngeren Generation nahe zu bringen, ohne belehrend oder verklärend zu wirken. "Die Wilde Zeit" wartet mit einer Riege hoffnungsvoller Nachwuchsdarsteller auf und begeistert durch eine gelungene Auswahl zeitgemäßer Musik.

Fazit: "Die Wilde Zeit" ist ein gelungenes Portrait der französischen Generation Achtundsechzig mit all ihrer Vielfalt. Ein sehenswerter und interessanter Film für Zeitzeugen und Nachgeborene.





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