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Kritik: Westerland (2012)


Sylt im Winter. Am Anfang des Films sitzt Jesús (Wolfram Schorlemmer) auf einer Parkbank und zieht sich eine Plastiktüte über den Kopf. Cem (Burak Yigit), Mitarbeiter beim Ordnungsamt, kommt vorbei und spricht ihn an. Daraufhin nimmt Jesús die Tüte vom Kopf. Die Kamera zeigt sie von hinten, sie sitzen auf der Bank und unterhalten sich. Es folgt ein Schnitt. Sie begegnen sich vor der Tür eines Vereinslokals, das von Cems Bruder Tuncay (Muri Seven) geführt wird. Aber Jesús will nicht mit hineingehen, er fühlt sich dort nicht willkommen. Cem ist hingegen im Inselleben fest verankert. Seine Freunde wohnen hier, mit seinem Kollegen Rupert (Maxim Mehmet) versteht er sich gut und zu seinem Bruder hat er regelmäßigen Kontakt. Er wirkt stabil und gefestigt mit einem klaren Plan für die Zukunft: Erst macht er auf der Abendschule sein Abitur nach, dann studiert er im Fernstudium Landschaftsarchitektur. Die Insel will er nicht verlassen. Jesús ist dagegen ein orientierungsloser Herumtreiber. Er behauptet, er wolle Schauspieler werden, hat aber tatsächlich jegliche Hoffnungen schon aufgegeben. Eigentlich will er im Moment nur mit Cem befreundet sein.

Bald teilen sie Bett, Wohnung und Geheimnisse. Aber Regisseur und Drehbuchautor Tim Staffel verweigert sich in seinem Film „Westerland“ den gängigen Bildern der Liebe, es ist noch nicht einmal ein Kuss zu sehen. Und so bleibt in der Schwebe, ob Jesús und Cem ein Liebespaar oder äußerst enge Freunde sind. Das ist aber auch unerheblich, da der Film vielmehr von einer Abhängigkeit und ihren Folgen erzählt. Cem und Jesús haben sich füreinander entschieden und bilden eine Einheit, die sich nach außen abschottet. Dabei bleibt es rätselhaft, was sie voneinander wollen: Lebt Cem ein Helfersyndrom aus? Nutzt Jesús die Gastfreundschaft und Stabilität Cems nur aus? Nach gesellschaftlichen Maßstäben ist es Jesús, der Cem zunehmend herunterzieht: Cem beginnt, Job, Schule, Freunde und Familie zu vernachlässigen und lebt stattdessen mit Jesús in den Tag hinein, kifft und dreht ihm Zigaretten. Cems Freunde und Familie sehen diese Entwicklung nicht gerne. Anfangs versuchen sie, Jesús in ihre Gemeinschaft aufzunehmen. Aber er fordert von Cem dieselbe Absolutheit, die er in diese Verbindung einbringt. Er hat radikale Vorstellungen von der Liebe, aber letztlich liebt einer immer mehr als der andere.

Für diese Geschichte einer Abhängigkeit finden Tim Staffel und Kameramann Fabian Spuck beeindruckende Bilder. Die menschenleeren Strände und verschneiten Dünen, der eiskalte Wind und die dunkle Nordsee bieten eine perfekte Kulisse für die Abgeschiedenheit und Einsamkeit, die diese zwei Männer suchen. Die Stadien ihrer Freundschaft werden in konzentrierte Bilder gefasst, die leider dünne Handlung macht oft Sprünge, wird aber getragen von den guten Hauptdarstellern. Daher ist „Westerland“ ein etwas zu langer, aber insbesondere visuell gelungener Film.

Fazit: „Westerland“ ist ein konzentriert fotografierter und gut gespielter Film, der sehr ruhig von der Beziehung zweier junger Männer erzählt. Gut gespielt und mit mitunter beeindruckenden Bildern ist die Handlung für insgesamt 90 Minuten leider ein wenig zu dünn.





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