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Kritik: Nachtlärm (2012)


Eine ungestüme Gangsterbraut und ein durchgedrehter Kleinkrimineller stehlen ein Auto inklusive Baby? Ein entnervtes Ehepaar findet in einer Limousine eine Handfeuerwaffe und Unmengen an Geld unter dem Beifahrersitz? Ein abgekarteter Mafiosi hat an den unpassendsten Stellen Probleme mit seinem Magen? Unzählige Dialoge, die in ihrem sinnlosen Charakter kaum die Handlung tragen, aber für Unterhaltung sorgen? Eine durchtriebene Nacht mit all ihren Facetten und einer holprigen Heimfahrt? Hört sich doch alles irgendwie nach Quentin Tarantino an, der viel lieber seine Hauptfiguren Unmengen an verrücktem Stuss erzählen lässt, anstatt seine Geschichte zu erzählen.
Doch bei dem deutsch-schweizerischen Vergnügen "Nachtlärm" handelt es sich nicht um ein Tarantino-Film – wo wäre man da – sondern "nur" um Christoph Schaubs Komödie, die auf einem Drehbuch von Martin Suter basiert.

Suter gilt als sehr renommierter Drehbuch- und Buchautor. Sein prämierter Roman "Small World" wurde zum Beispiel prestigeträchtig für die Leinwand adaptiert. Das Problem an "Nachtlärm" ist also nicht unbedingt Suters Unfähigkeit ein ungewöhnliches Drehbuch auf die Beine zu stellen – sondern viel mehr die teils ermüdende Inszenierung von Regisseur Schaub, der seinem 90 Minuten Film zu viele Luftlöcher und geradezu sinnlose Einstellungen gewährt, die den Film unnötig aufblähen. Dass das Drehbuch dabei auch noch sehr konstruiert wirkt und auf einen präzise vorbestimmten Punkt zusteuert, fällt dabei allerdings ebenso ins Gewicht.

Eigentlich ist die Idee von Drehbuchautor Suter überhaupt keine schlechte. Zwar ist die Geschichte um ein Kind, welches durch ewiges Geplärre die Beziehung killt, bei weitem nicht neu aus dem Boden gestampft, aber wie "Nachtlärm" mit dem Thema zu Beginn umgeht, macht zunächst Lust auf mehr. Denn wie sich Suter mit Hilfe seiner Dialoge und Schaub mit Hilfe einer unkonventionellen Inszenierung anfangs der Thematik um zwei lärmbelästigte Eltern nähern, besitzt, überzeugend dargestellt von Alexandra Maria Lara und Sebastian Blomberg, durchaus viel Charme.
Getrübt von ein wenig Eigenwerbung des X-Film Verleihs, der schnell eine ganze Szene aus "Ein Freund von mir" einbaut, zeigt "Nachtlärm" hier das Potenzial zu einer unorthodoxen Komödie. Besonders die erzieherische Methode in Form einer nächtlichen Tour über die Autobahn, um das schreiende Balg mit Hilfe der Motorengeräusche zu besänftigen, hat ihren Reiz. Und die Dialoge fühlen sich geradezu danach an, als hätte sich Suter mit dem Ziel hingesetzt, hitzige Debatten zu schreiben, die dem Leben entsprechen. Mit ausreichend Herz und Verstand ausgestattet, lassen sie den Zuschauer der immer absurder werdenden Handlung folgen.
Doch als schlussendlich auf der Raststätte das Kind abhanden kommt und sich die Ereignisse auf bizarre Art und Weise überschlagen, entsteht der bittere Beigeschmack, dass das Potenzial nicht richtig ausgenutzt wird. Zwar sollte jedem Zuschauer klar sein, dass das Szenario allgemein als grobe Unwahrscheinlichkeit gewollt ist und Regisseur Schaub mit Hilfe eines nächtlichen Roadmovies eine Beziehungsgeschichte erzählen will, aber besonders die andauernde Verfolgungsjagd der Mafiosi oder das mit sich selbst hadernde Gangsterpaar wirken dröge, weil neben der Nachvollziehbarkeit und der Logik auch dem Tempo trotz quietschender Reihen und rasanter Fahrmanöver die Luft ausgeht. Mal schwenkt die Kamera lieblos in die dunkle Nacht hinein, mal dreht der Regisseur die Musik auf, um die angefangene Szene unrhythmisch zu beenden. So entwickelt sich "Nachtlärm" zu einem zähen Film, der viel zu punktgenau geplant und durchdacht ist, als dass das gewünschte Gefühl von wirrer Spontanität aufkommen könnte. Der Plot wirkt konstruiert und berechenbar und die Figuren ähneln großangelegten Klischees. Viele Wendungen sind absehbar, viele Szenen wirken gezwungen ohne dem Film Charakter zu verleihen und manche dienen als reine Zeitfüller, statt als unterhaltsame Kost zu fungieren.
Am Ende versucht der Film schließlich, sich und seine Figuren mit wenig Schaden aus der Affäre zu ziehen, plätschert in ein seichtes und vor allem versöhnliches Ende – ohne dabei besonderen Eindruck zu hinterlassen. Doch da der Film über eine ungewöhnliche Ausgangsidee verfügt und durch hirnrissige Autobahnmanöver und einige unerwartete Pointen für Lachanfälle im Publikum sorgt, reiht er sich wenigstens ins Mittelmaß ein. Ein Zeichen, dass der Deutsche Film weiterhin, zumindest einigermaßen, funktioniert.

Fazit: So viel Potenzial und dann so ein durchwachsenes Ergebnis: "Nachtlärm" startet unorthodox und erinnert dabei an eine Hommage an Quentin Tarantino und den klassischen Roadmovie, um am Ende zu deutlich an Tempo, Biss und Charme zu verlieren. Zu konstruiert steuert der Film schließlich auf den vermeintlich sicheren Zielhafen.





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