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Man for a day
Man for a day
© Salzgeber & Co

Kritik: Man for a day (2012)


Ist Identität lediglich etwas Begrenztes, etwas Illusionäres, etwas, was man ablegen, eintauschen und verändern kann? Sind dementsprechend auch Geschlecht und Geschlechterrolle nur ein Abbild, eine Erscheinungsform, die man ebenso schnell wechseln kann, wie Kleidung und Aussehen?
Wenn es nach der Gender-Aktivistin Diane Torr geht, dann ist die Antwort ein ja. Denn schon seit 30 Jahren ist die gebürtige Schottin als Performance-Künstlerin, als Female-to-man-Performerin und als einstige Debattenführerin der Pro-Porno-Diskussionen berühmt und wurde in den 80er Jahren zu einer der gefragtesten Personen der New Yorker Drag-Szene.

Die deutsche Filmemacherin Katarina Peters, die seit langer Zeit mit der Schottin befreundet ist, hat nun einen der zahlreichen Workshops der Gender-Aktivistin begleitet und daraus einen Dokumentarfilm gemacht. "Man For A Day", so der Arbeitstitel, misslingt aber der Versuch Klischees aufzudecken und Rollenbilder aufzubrechen, weil die Dokumentation keinen einzigen Mann zu Wort kommen lässt und so auch kaum mehr als bekannte Klischees über Männer zu Tage fördert. Zudem krankt sie an der Auswahl der gezeigten Frauen - in Peters Dokumentation sieht man nur von Männern verletzte und missbrauchte Frauen, die ihren Hass auf das männliche Geschlecht in ihren Klischeerollen als Mann ausleben dürfen und dabei so sehr an der Oberfläche des ewigen Geschlechterkampfs entlang schrammen, dass man sich über die Engstirnigkeit und Künstlichkeit der langatmigen und schwermütigen Dokumentation nur wundern kann.
Am Ende bleibt die Frage nach dem Sinn? Möchte "Man For A Day" eine Biographie über eine bemerkenswerte Frau sein oder lediglich Spielraum für eine seltsame und zweifelhafte Form des Power-Workshops? Was für einen Sinn die Frauen darin sehen in das Kostüm des "Geschlechterfeindes" zu schlüpfen, wird ebenso wenig aufgedeckt, wie in irgendeiner Form erklärt.

Von Beginn an sind die Dialoge der gezeigten Frauen von tiefem Männerhass geprägt. Dies mag gerechtfertigt sein, wenn man sich anschaut, wie übel ihnen mitgespielt wurde. Aber für eine Dokumentation, die ohne Kommentarfunktion eine gewisse Neutralität versprühen möchte, ist das ein Ansatz, der schrecklich in die Hose geht. Ob Männer, die niemals lächeln, Männer, die immer Führungsrollen beanspruchen und Männer, die nie in den Urlaub fahren und bei einer jüngeren und hübscheren Version sofort Frau und Kind verlassen: All die Klischees, die Til Schweiger in seinen Komödien immer wieder hochleben lässt, quetscht Peters in ihre Dokumentation. Ein Fehler, der nicht dadurch entsteht, dass sie solche Frauenmeinung zeigt, sondern dass sie sie ohne einen Versuch der Objektivierung stehen lässt.
Generell: Der Mann, der nur als Projektionsfläche für Machtbesessenheit und Karrieregeilheit wahrgenommen wird – beispielhaft in der Szene, in der die Workshop-Teilnehmer auf offener Straße Männerverhalten nachahmen sollen – kommt in Peters Film kein einziges Mal zu Wort und so ist eindeutig, wem der Film gefallen soll: Frauen. Und es steht auch außer Frage, wem der Film nicht gefällt: Männer. Aber sollte gerade bei so einem ewigen Thema wie dem Geschlechterkampf nicht der Versuch gestartet werden, über den Tellerrand der Geschlechterkonventionen zu blicken? So aber ist "Man For A Day" vor allem ein Ventil für frustrierte Frauen, die in pseudo-wissenschaftlicher Manier das männliche Wesen an sich selbst erkunden wollen, um die geheimnisvollen Rätsel hinter dem Mysterium Mann zu ergründen.

Thematisch kümmert sich Peters, wenn sie nicht gerade die Entwicklungen der Workshop-Woche zeigt, vor allem um die Hauptfigur – Diane Torr. Ihre Biographie wird mit umfassendem Filmmaterial gezeigt und aufgearbeitet, ohne aber einen wirklichen Zugang zu der Figur zu legen. Denn wenn eine Frau, die unglaublich viele Rollen angenommen und sich in unzähligen Identitäten präsentiert hat, sich nun einer Kamera stellt, kann man sich fragen, wo hinter der Fassade die echte Person steckt? Einen wirklichen Zugriff zu der Person Torr erhält der Zuschauer nicht - auch, weil der Film keinerlei Backgroundinformationen über sie anbietet.
Gerade der Epilog, der die Frauen nach dem Workshop zeigt, wirkt angehängt, zusammenhangslos und aufgezwungen. So bleibt die Frage, was der Film – außer einem Einblick in einen außergewöhnlichen Lebenslauf – dem Zuschauer bringen soll? Er gibt weder eine Antwort auf die Frage nach dem Verhältnis zwischen Mann und Frau, noch lässt er Gedanken im Zuschauer entstehen, die das Rad neu erfinden könnten. Für die Festigung von Klischees kann man die vielen wüsten Dialoge als Sichtungsmaterial gerne verwenden – aber einen Beitrag zum weiterhin schwierigen Kampf um Rollenbilder, Jobquoten und Gleichstellungsgesetze liefert "Man For A Day" nicht. Dafür sind die Perspektiven zu einseitig, das Problem zu oberflächlich behandelt und die Männer zu sehr in eine mundtote Ecke gesteckt. Und als Biographie taugt der Film nur bedingt, weil der Fokus wiederum zu sehr auf den Workshop-Teilnehmerinnen liegt.

Fazit: Für Frauen kann sich "Man For A Day" als unterhaltsamer Film erweisen. Für Männer ist die Dokumentation von Katarina Peters ein Rohrkrepierer. Ein Beweis, dass der Film keinen sonderlich ausgewogenen Beitrag zur Gleichberechtigungsdebatte abgibt.




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