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Kritik: Just The Wind (2012)


Nur der Wind ist am Anfang von Bence Fliegenaufs Film "Just the wind" zu hören. Es kommen Grillen und Vogelgezwitscher hinzu, dann singen Roma ein Lied über den Mord an einem Vater – und sie rufen einem imaginären Jungen zu, er solle laufen, da sein Vater ermordet wurde. Der elfjährige Rió (Lajos Sárkány) beobachtet die Beerdigungszeremonie, wendet sich ab und geht weiter. Rió lebt mit seiner Mutter Mari (Katalin Toldi), seiner Schwester Anna (Gyöngyi Lendvai) und seinem Großvater (Györgi Toldi) in einem kleinen Haus. Sie sind Roma – und haben seit den Anschlägen, bei denen bereits vier Familien ermordet wurden, Angst.

Ruhig schildert Bence Fliegenauf in seinem Sozialdrama den alltäglichen Rassismus und die Demütigungen, denen die Roma in Ungarn ausgesetzt sind, am Beispiel eines Tages in dieser Familie: ein Busfahrer, der ein Stück zu weit fährt, damit Anna hinterher laufen muss; der Hausmeister, der sie des Diebstahls verdächtigt – und Anna selbst, die immer mit gesenkten Kopf herumläuft, damit sie keinen Anstoß erregt. Sie will nicht auffallen, deshalb hilft sie auch einem anderen Mädchen nicht, das von zwei Jungs in der Umkleidekabine überfallen wird – und verständigt noch nicht einmal den Erwachsenen, der ihr unmittelbar nach Verlassen der Umkleide entgegenkommt. Vielleicht ist sie einfach nur froh, einmal nicht selbst das Opfer zu sein – vielleicht ist ihr Verhalten aber auch exemplarisch für eine Gesellschaft, in der bereits viel zu viel weggeschaut wird.

Ihre Mutter Mari ist zwar selbstbewusster, aber auch sie wird angefeindet. Sie arbeitet sehr viel, morgens bei einer Autobahnmeisterei, nachmittags putzt sie die Schule ihrer Kinder. Dort muss sie sich anhören, sie würde nach "Aas" riechen – und auf dem Heimweg wird sie angepöbelt. Aber Mari klammert sich an die Überzeugung, dass sie bald ihrem Mann nach Kanada folgen wird und dort ein besseres Leben auf sie wartet.

Unterdessen ist Rió an diesem Tag nicht zur Schule gegangen. Vielmehr streunt er umher, spielt bei Freunden Playstation und sucht schließlich das Haus der Familie auf, die vor kurzem ermordet wurde. In rotes Licht getaucht, das an das blutige Verbrechen erinnert, durchsucht er das Haus – bis zwei Polizisten kommen. Er versteckt sich vor ihnen im Schrank und muss mit anhören, wie sie darüber reden, welche Roma es wert seien zu leben.

Bence Fliegauf – neben Bela Tarr der derzeit bekannteste ungarische Regisseur – verdichtet in "Just the wind" diesen einen Tag zu einem düsteren und intimen Porträt eines Lebens. Die Roma werden von der Gesellschaft schlecht behandelt, in der sich eine Kultur des Wegschauens entwickelt hat. Deshalb ist "Just the wind" ein sehr leiser, aber ein ernster und eindringlicher Film, der die Härten und die Ausweglosigkeit dieses Lebens zeigt. Es gibt nur wenige Szenen voller Wärme, beispielsweise wenn Anna ihre Kusine mit an den See nimmt und damit von der drogensüchtigen Mutter und ihren benebelten Freunden wegholt. Diese Bilder sind voller Zuneigung und angesichts des Alltags kostbar. Aber selbst in diesen Moment schwelt im Hintergrund eine Bedrohung, die den Zuschauer fesselt – und zugleich die Hoffnungslosigkeit des Films spürbar macht. Sehenswert!

Fazit: "Just the wind" ist ein leiser Film, der unter die Haut geht.




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