VG-Wort
Die Domain Spielfilm.de verwendet Cookies für funktionale und analytische Zwecke. Durch die Nutzung unserer Seite erklärst Du Dich damit einverstanden. Weitere Cookie-Informationen findest Du hier.

Ok, einverstanden!

oder
Bavaria - Traumreise durch Bayern - Hauptplakat
Bavaria - Traumreise durch Bayern - Hauptplakat
© Concorde

Kritik: Bavaria - Traumreise durch Bayern (2012)


Bayern. Ein Land voller verklemmter Traditionshudelei und ein von spirituellen Bräuchen durchtränktes Volk, welches neben Weißwurstfressern, Brezelmampfern und Alkoholvernichtern nicht viel zu bieten hat? Die wirtschaftliche Dominanz aus dem Süden mit ihrer ganz eigenen "Mia san Mia"-Mentalität? Die einen der schönsten Flecken Deutschlands mit ihrem behämmerten Dialekt verunstalten? Arrogant, selbstverliebt und unerzogen?

Hört sich doch verdammt nach einer bösartiger Welle geschmackloser Vorurteile an, die sich niemand – besonders kein Bayer - gefallen lassen muss! Da wird es doch endlich mal Zeit, dass jemand das Zepter wieder fest in die Hand nimmt und den Leuten da draußen zeigt, dass bei einem Urlaub in Deutschland ein Besuch in Bayern unumstößlich ist. Alles andere wäre bayerische Gotteslästerung! Joseph Vilsmaier, der wohl nach Dr. Uwe Boll unbegabteste Regisseur Deutschlands, hat sich dieser wichtigen Aufgabe angenommen und kreiert mit einer am Helikopter installierten Kamera und mit seinen eigenen Kommentaren inklusive nervtötender Volksmusik den ersten kinotauglichen Werbefilm für Bayern. Und das Schöne ist: Das sind gar keine Vorurteile! Freilich! Die Bayern sind stolz darauf! Fromme Trachten, viel Alkohol und keinen blassen Schimmer! Lang lebe Edmund Stoiber! Wie Vilsmaier die Tradition und Moderme miteinander verbindet, kann man gar nicht schöner zeigen: Eine Putzfrau, die eine altwürdige Kirche putzt. So schön kann Bayern sein! Danke für den PR-Film des Jahres, für den man diesmal sogar Geld bezahlen soll.

Was ist das unerträglichste an "Bavaria – Traumreise durch Bayern"? Ist es die einseitige und höchst oberflächliche Sicht auf Traditionen und moderne Aspekte des flächengrößten Bundeslands der Republik? Ist es der dauerschwallende Kommentar von Regisseur Vilsmaier, der zwischen Bayerisch und Hochdeutsch nicht so recht unterscheiden kann und dabei gut väterlich vor sich hin seuselt, bis die Balken quietschen? Ist es der "Amigos"- und "Musikandenstadl"-Gedächtnis Soundtrack, mit dem jeder auch noch so kleine Schnipsel des Films unerträglich untermalt ist? Oder ist es die Arroganz, mit der die Bayern sich liebend gerne selbst loben?

Bei weitem nicht!
"Bavaria" krankt von der ersten Sekunde an der Unfähigkeit seines Regisseurs, seine Postkartenromantik in Szene zu setzen. In der Tat verfügt Bayern über unglaubliche kulturelle wie architektonische Wunder, die mit Sicherheit aus der Vogelperspektive beachtlich zu bestaunen wären. Was Vilsmaier aber veranstaltet, grenzt an Körperverletzung. Seine Bilder sind monoton und ohne Rhythmus aneinander gekettet, springen in der Schnittfolge ohne jeglichen Sinn und erzeugen damit lediglich ungemeine Kopfschmerzen beim Zuschauer - und das ganz ohne dritte Dimension. Kombiniert mit einem groben Überblick über die gesamte Tourismus-Zentrale Bayern wirken die kurzen Blicke auf die Standard-Vorzeigestädte Bayerns allesamt viel zu kurz und hektisch übergeblendet. Wenn dann nicht dieser Soundtrack wäre, der die Kitschorgie perfekt unterstützt, könnte man an den orientierungslosen und unkoordinierten Aufnahmen sogar Gefallen finden. Aber Vilsmaiers Stil über die gesamte Distanz immer mit dem gleichen pathetischen Geschwätz uninteressante Fakten von sich gebend und ab und zu mit werbefilmtypischen Zooms und aufgebauschten Effekthaschereien aufzupeppen, reicht für eine echte Dokumentation nicht aus. Das Niveau reicht noch nicht mal für den Bayerischen Rundfunk. Highlight bilden die einbauten Szenen der bayerischen Eurofighter, deren Filmmaterial einfach mal in diesem Werbemasche eingegliedert wurde.

Besonders dramatisch gestalten sich die Kommentare des Regisseurs. Ab und zu wie ein Wasserfall, verstummt Vilsmaier ohne Ankündigung oder ersichtlichen Grund für Minuten,was die Orientierungslosigkeit des Zuschauers noch verstärkt. An anderen Stellen versucht der bayerische Kommentator ernsthafte Worte über die dunkle Vergangenheit im dritten Reich oder den Umgang mit Obdachlosen anklingen zu lassen. Aber diese Passagen wirken wie Füllmaterial, damit die ganze Werbetour nicht komplett einseitig ausfällt. Mehr als einen müden Spruch und eine melodramatische Klaviermelodie hat der Film, der sich vor allem auf Bier saufen und Burgenschau beschränkt, zu diesen Themen nicht zu bieten. Scheinbar tragen die Menschen in Bayern ja auch ausschließlich Trachten. Besonders herrlich: Jegliche Innenräume, die gezeigt werden, stehen still, wirken wie leergefegt, abgesehen von der wiederkehrenden Putzfrau, die man immer beim Putzen beobachten darf. Ein wahres Highlight, welches für das Mindestlohnfeindland Nr.1 bezeichnend ist.

Der Tirade zum Trotz: Als Fan Bayerns kann man natürlich Gefallen an dem Film finden. Aber auch für Bayern-Fans dürfte das Bildmaterial nicht besonders neu sein. Aus der Vogelperspektive wurde schon so manches gezeigt und die Bilder, die präsentiert werden, lüften keine Geheimnisse oder zeigen neue Orte, sondern wirken lediglich wie Anschauungsmaterial für neureiche Asiaten, die Europa und eben auch Bayern entdecken wollen. Eine Traumreise sieht anders aus – vor allem weil der Anteil an Eigenlob einfach so gravierend hoch ist, dass man über die behämmerten Sprüche eigentlich nur weinen kann. Wenn man mit dem Filmmaterial noch irgendetwas anfangen will, könnte man wenigstens einige Motive für ein paar Touristen-Postkarten verwenden.
Eine sinnvolle Investition, die da ins Kino kommt!

Fazit: Wer in seiner Freizeit immer Trachten oder Lederhosen trägt und von morgens bis abends Bier trinkt und Weißwürste isst, wird sich in Joseph Vilsmaiers "Bavaria – Traumreise durch Bayern" wie im eigenen zu Hause fühlen. Für alle anderen gilt: Macht einen extrem großen Bogen um den PR-Film des Jahres!




Spielfilm.de-Mitglied werden oder einloggen.