VG-Wort
Die Domain Spielfilm.de verwendet Cookies für funktionale und analytische Zwecke. Durch die Nutzung unserer Seite erklärst Du Dich damit einverstanden. Weitere Cookie-Informationen findest Du hier.

Ok, einverstanden!

oder

Kritik: Auge um Auge (2014)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Wer angesichts des deutschen Verleihtitels und der Mitwirkung von Batman-Darsteller Christian Bale einen waschechten Rachethriller erwartet, sei vorweg gewarnt. "Auge um Auge" greift zwar auf das wohlbekannte Ein-Mann-sieht-rot-Schema des amerikanischen Genrekinos zurück, bringt den eigentlichen Vergeltungsplot aber erst verhältnismäßig spät ins Rollen. Anders als viele Hollywood-Kollegen interessiert sich Scott Cooper in seinem zweiten Spielfilm nach "Crazy Heart" nicht für hektische Handlungsentwicklungen oder möglichst ansehnliche Actioneinlagen. Im Zentrum seines Thriller-Dramas stehen vielmehr die auftretenden Figuren, ihre Beziehungen und ihre regionale Verwurzelung.

Russell (Christian Bale) und Rodney Baze (Casey Affleck) sind Brüder, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten. Während Ersterer tagein, tagaus im örtlichen Stahlwerk schuftet, um sich und seine Freundin Lena (Zoë Saldana) gegen alle Widrigkeiten des Lebens abzusichern, versetzt Letzterer, ein psychisch labiler Berufssoldat, sein Geld im Wettbüro. Russell ist verantwortungsbewusst und will das Beste aus den eher bescheidenen Möglichkeiten machen, die sich ihm bieten. Rodney hingegen sucht verzweifelt nach einem festen Platz, trifft aber stets die falschen Entscheidungen. Immer wieder muss ihm sein älterer Bruder aus der Patsche helfen, etwa seine horrenden Schulden beim hiesigen Buchmacher John Petty (Willem Dafoe) begleichen. Ein jähes Ende findet Russells geordnetes Leben, als er unter Alkoholeinfluss einen Unfall mit Todesfolge verursacht und zu einer mehrjährigen Haftstrafe verurteilt wird. Nach seiner Entlassung ist nichts mehr wie zuvor. Lena hat ihn verlassen, sein schwer kranker Vater ist gestorben, und Rodney droht nach einem weiteren Irak-Einsatz endgültig den Halt zu verlieren.

All dies erzählt Cooper wohltuend unaufgeregt. Der Film lässt dem Zuschauer Zeit, sich mit den Protagonisten vertraut zu machen. Ihren alltäglichen Kämpfen, ihren Schicksalsschlägen und der Umgebung, in der sie sich bewegen. Nicht umsonst spielt "Auge um Auge" abseits des modernen High-Tech-Amerikas, inmitten des sogenannten Rust Belt, einer ehemals blühenden Industrieregion im Nordosten der USA, die seit den 1960er Jahren schrittweise an Bedeutung verlor. Das im Bundesstaat Pennsylvania gelegene Braddock, der Heimat- und Wohnort der ungleichen Brüder, war einst ein Zentrum der Stahlindustrie, ist heute aber nur noch ein Schatten seiner selbst. Das Sinnbild eines dahinsiechenden Landstrichs. Umso tragischer ist es, dass Russell selbst nach seinem Gefängnisaufenthalt noch an einen Neuanfang glaubt. Er will sich nicht unterkriegen lassen, kehrt ins Stahlwerk zurück und wird seiner Perspektiven doch beraubt. In einer ergreifenden Szene, in der er seine Ex-Freundin vergeblich zurückzugewinnen versucht, erfahren wir ganz nebenbei, dass er seine Arbeit wahrscheinlich schon bald verlieren wird, da man in einem asiatischen Land deutlich günstiger produzieren kann.

Kleine Beobachtungen wie diese sind es, die Coopers neue Regiearbeit nicht nur zu einem Charakterdrama, sondern auch zu einer vielschichtigen Milieustudie machen. In Braddock ist der amerikanische Traum ausgeträumt. Aufschwung scheint unmöglich. Was bleibt, ist pure Hoffnungslosigkeit. Obwohl sie noch immer in den Himmel ragen, die riesigen Schlote der Hochöfen, von denen im Originaltitel ("Out of the Furnace") die Rede ist, frisst sich der Verfall unnachgiebig in das Stadtbild hinein. Fabriken stehen leer und werden doch zu einem Fluchtpunkt vor der bitteren Realität.

Eben hier, in still gelegten Werkshallen finden einige der illegalen Boxkampfveranstaltungen statt, zu denen sich Rodney in seiner Verzweiflung hingezogen fühlt. Einer ehrlichen, letztlich aber perspektivlosen Arbeit will der traumatisierte Soldat nicht nachgehen, eifert vielmehr den lukrativen Aussichten der brutalen Street Fights nach, die er in Absprache mit John Petty verlieren soll. Doch es ist nicht nur das Geld, das ihn antreibt. Das gewaltsame Messen mit einem Kontrahenten bietet dem verunsicherten Mann zugleich ein Ventil für seine aufgestaute Wut und fungiert als Ausgleich zur inneren Leere. Nicht zu übersehen ist dies in den Momenten, in denen er gegen vorher getroffene Absprachen verstößt und damit ausgehandelte Deals gefährdet.

Ein Verhalten, das Rodney schließlich zum Verhängnis wird, als er auf den unberechenbaren Clan-Chef Harlan DeGroat trifft, der im Nachbarstaat New Jersey illegale Kämpfe organisiert. Diese von Woody Harrelson geradezu furchteinflößend verkörperte Figur wird in all ihrer Bedrohlichkeit gleich in der ersten Sequenz des Films eingeführt, taucht fortan nur noch sporadisch auf und ist doch der Ausgangspunkt einer unheilvollen Spannung, die das gesamte Thriller-Drama durchzieht. Wenngleich das finale Drittel, in dem Russell auf eigene Faust nach seinem plötzlich verschwundenen Bruder sucht, in seiner Erzählweise hastiger und konventioneller gerät als alles Vorangegangene, gelingt es Cooper auch hier, eine eindringliche Atmosphäre heraufzubeschwören. Vor allem das hervorragende Spiel der Darsteller entschädigt für so manche dramaturgische Unebenheit.

Fazit: Auch wenn der deutsche Verleihtitel anderes vermuten lässt, ist "Auge um Auge" weitaus mehr als eine simple Rachegeschichte. Regisseur und Drehbuchautor Scott Cooper führt den Zuschauer tief hinein in ein beklemmendes Kleinstadtmilieu und nimmt sich Zeit für seine vom Schicksal geschlagenen Figuren. Getragen von vorzüglichen Darstellern, erreicht sein bedächtig erzähltes Thriller-Drama eine Intensität, wie sie im oftmals handlungsgetriebenen Hollywood-Kino leider selten geworden ist.





Spielfilm.de-Mitglied werden oder einloggen.