VG-Wort
Die Domain Spielfilm.de verwendet Cookies für funktionale und analytische Zwecke. Durch die Nutzung unserer Seite erklärst Du Dich damit einverstanden. Weitere Cookie-Informationen findest Du hier.

Ok, einverstanden!

oder

Kritik: Chernobyl Diaries (2012)


Kaum ein anderes Genre basiert auf so wiederholenden Mustern wie der Slasherfilm. Wer den Spruch "Kennt man einen, kennt man alle" erfunden hat, hatte sich wahrscheinlich gerade einen dieser unzähligen Teenie-Slasherfilme angeschaut – eine Gruppe Jugendlicher, etwas Böses in der Nähe und das bekannte 10-kleine-Negerlein-Prinzip. Vor lauter Tristesse kann man da schon entnervt eindösen.

Das wahrscheinlich Seltsamste an der ganzen Sache ist die dennoch große Beliebtheit und die daraus resultierende Erfolgsgeschichte des schematischen Horrorfilms. Denn auch die Filmwelt kennt nur ein Gesetz: Wenn ein Genre keine Kasse mehr macht, wird die Produktion gestoppt. Doch die Massen strömen in die Kinosäle und erfreuen sich an den immer abstruseren Gewaltpornos der Marke "Saw" und Co. Irgendwie trivial, aber unglaublich beliebt. Wie viele Teile von "Saw" gibt es schon? Wie viele Teile von "Nightmare On Elmstreet" gab es? Hat wer mitgezählt? Und das wahrscheinlich Gruseligste an der Sache: Der immer gleich verlaufende Plot – nur ab und zu ein wenig variiert.
So etwas könnte man auch bei Bradley Parkers "Chernobyl Diaries" erwarten, der in das Bild einer weiteren, neuen Entwicklung passt. Wenn die Ideen zu Teenie-Slashern und Zombiefilmen langsam ausgehen, versetzt man sie einfach an neue, noch abstrusere Schauplätze. Ob der Nazi-Zombie Film "Dead Snow" oder der bald auf den Markt kommende "Osombie", in der natürlich Osama Bin Laden als Untoter rumwütet – die Ideenvielfalt ist groß und vielleicht gibt es ja irgendwann untote Musikantenstadl-Besucher, die unschuldigen Jugendlichen auf die Pelle rücken.
"Chernobyl Diaries" jedenfalls verlegt seinen Standort nach Ost-Europa und baut auf den historischen Gegebenheit der Nuklear-Katastrophe von Tschernobyl einen Horrorslasher auf, der im Endeffekt doch mehr Reiz besitzt, als man zuvor vermutete. In den Grenzen seines Genres pendelt er sich eindeutig bei den besseren Versionen ein. Ein Lichtblick.

Ein wenig hinter das Licht geführt, fühlt sich der Zuschauer nach den ersten Minuten des Films. Im Trailer wurde dem Zuschauer noch weiß gemacht, dass es sich um einen weiteren Found Footage-Film handelt, der nach dem beliebten Format à la "Project X" funktioniert. Diesmal eben mit verstrahlten Ruskis, statt einer wütenden Partymenge. Doch der Eindruck trügt vollkommen. Bis auf wenige Ausnahmen handelt es sich bei "Chernobyl Diaries" um einen klassischen Handkamera-Film, der zwar mit seiner sonderbaren Optik einen pseudo-dokumentarischen Stil auf den Weg bringen will – sich im Endeffekt aber in die beliebte Reihe um "Paranormal Activity" einreiht.
Licht und Schatten spielen dementsprechend in den wackeligen Aufnahmen eine große Rolle und kaum eine Sekunde vergeht, in der das permanente Auf und Ab nicht spürbar wäre. Was dem Film aber hoch anzurechnen ist: Kameramann Morten Soberg versteht es sich unsichtbar zu machen. So haben seine Kamerafahrten einen sehr unscheinbaren und dennoch künstlerisch wertvollen Charakter. Besonders die langen Fahrten um die Figuren bilden einen wohligen und klaustrophobischen Ausgleich zum sonst hektischen Mix aus schlecht beleuchteten Jagd-Szenen und wüsten Schnittzusammenstellungen, mit denen der der Film leider einen Großteil seines Potenzials verspielt. Denn gerade beim perfiden Spiel mit Licht und Schatten würden dem Regisseur eigentlich alle Mittel zu Verfügung stehen um ordentlichen Horror zu servieren. Doch der Film gestaltet sich, was die Schockmomente angeht, ziemlich belanglos. Nicht viel ist davon zu merken, dass den Schauspielern nicht gesagt wurde, wann etwas Gruseliges während einer Aufnahme passiert und auch die improvisierten Dialoge führen nicht unbedingt zu größerer Authentizität.
So verpasst der Film in unzähligen Situationen etwas Innovatives und wirklich Schauderhaftes auf die Leinwand zu bringen und bedient sich dann lieber an Konventionen. Wenn zum Beispiel einer der jungen Extremtouristen einen Bus durchsucht und ganz langsam ein Tuch zur Seite schieben, um zu schauen, ob sich dahinter jemand verbirgt – liegt es auf der Hand, dass der Zuschauer erst einmal einer Finte aufsitzt, um dann zwei Sekunden später doch noch geschockt zu werden. Diese Rezeptur ist weder neu oder besonders einfallsreich. Eben eine Abfolge von bekannten Mustern, die der Film abspult und dadurch die vielen Ausbau-Möglichkeiten, gerade im Hinblick auf eine pseudo-dokumentarische Sicht, verpasst.

Natürlich darf man von einem Streifen dieses Formats keine dramatischen Wendungen und Raffinessen erwarten. Eher sollte man sich genaustens auf den Film und seine Quintessenz konzentrieren. Und hier zeigt "Chernobyl Diaries", dass er handlungstechnisch gar nicht mal so konventionell daher kommt, wie vermutet. So genehmigt sich der Film eine relativ lange Einführungsphase, um schlussendlich ordentlich an Fahrt aufzunehmen. Schade dabei: Das Ableben der unterschiedlichen Charaktere ist bei den tumultartigen Laufsequenzen so unscheinbar und vor allem unnahbar, dass es kaum unter die Haut geht. War da gerade noch jemand? Nun ist er weg – egal! Wir machen weiter. So sorgt auch ein Mangel an Inszenierungsqualität dafür, dass die besonders schockierenden Szenen zu großen Teilen wirkungslos verpuffen, weil die hektische Kamera kaum eine Szene einfangen kann, die nicht von lauter Dunkelheit geschluckt wird.
Dennoch ist es die sehr gut gemachte klaustrophobische Stimmung und vor allem das erstklassige Setting in den Tschernobyl Ruinen, die den Eindruck entstehen lassen, dass das Filmteam wirklich auf dem Gelände des Nuklear-Unglücks gedreht hat. In Kombination mit zurückhaltenden Computertricks gelingt es "Chernobyl Diaries" hier, Stimmung zu entwickeln und sich somit von anderen Filmen abzugrenzen.

Fazit: Mit eigenem Charme, einem tollen Setting und einer wüsten Handkamera reizt "Chernobyl Diaries" sein Potenzial leider nicht vollends aus. Schade, da sich der Horrorslasher sonst von der breiten Masse abgrenzt. Und das auch wegen des unheilvollen Settings.





Spielfilm.de-Mitglied werden oder einloggen.